Prinzessin der Kelche

Ein Zebrastreifen für die Seele

von Tarot
Prinzessin der Kelche
 

Wieder einmal war ich mit meinem Auto unterwegs. Unter den Rädern flogen die Kilometer nur so dahin. Ein verzweifelter Blick auf die Uhr verriet mir: 'Die Zeit läuft Dir mal wieder davon'. Aber ich hatte es ja fast geschafft, runter von der Autobahn und auf die Stadtstraße. Nach weiteren Kilometern hatte ich mein Ziel fast erreicht, da sah ich einen Zebrastreifen. Eine alte Dame ging gerade darauf zu. Sicherlich hätte ich es sehr gut noch vor der Dame geschafft, mit meinem Flitzer den Zebrastreifen zu passieren, bevor sie ihren Fuß darauf gesetzt hatte. Aber ich hielt an und gab ihr mit einer freundlichen Handbewegung zu verstehen, daß ich warten würde, bis sie die Straße überquert hätte.

Als ich danach weiterfuhr, ließ mich der dankbare Blick der Dame nicht mehr los. Er geisterte durch meine Gedanken und ließ die Idee zu diesem Text aufkommen:


In den letzten Wochen und Monaten kann man in den Zeitungen und im Fernsehen (Tatort/Lindenstraße) immer wieder von Vergehen an Kindern hören und lesen. Gleichgültig ob es sich um Mißhandlungen des Körpers oder der Seele handelt. Wer kann denn diesen Kindern helfen, wer ist für sie da? Sicherlich liegen sie so manche Stunde in ihren Betten und warten verzweifelt darauf, daß ihnen jemand hilft.

Ich wünsche ihnen einen Zebrastreifen für die Seele.


Eine andere Situation. Eine glückliche Partnerschaft. Eine Ehe, die durch Höhen und Tiefen gefestigt wurde. Alles ist wunderbar. Das Geschäft blüht, es gibt keine Existenzsorgen. Die Zukunft liegt in den buntesten Farben vor diesem Paar (es sind Freunde von mir). Dann eine harmlose Röntgenuntersuchung, der eine Computertomographie folgt. Das Ergebnis liegt eine Woche später vor: Hotkinsche Krankheit - sprich Lymphdrüsenkrebs - bösartig. Wer leidet nun mehr? Die Frau, die sich mit dieser Krankheit auseinandersetzen muß - oder der Ehemann, dem die Hände gebunden sind, weil er nichts tun kann?

Ich wünsche ihnen einen Zebrastreifen für die Seele.


Wieder eine andere Situation. In meinem Bekanntenkreis gibt es eine Frau, die fast 20 Jahre verheiratet ist. Seit zwei Jahren steht ihr Mann zwischen zwei Frauen. Mit ihr ist er verheiratet, hat einen 18-jährigen Sohn, hat alles mit ihr geteilt - und mit der anderen - jüngeren - hat er eine kleine Tochter, 4 Monate alt. Ich kann nicht mehr tun, als ihr zuhören, aber trösten? Trösten kann ich kaum und raten schon gar nicht, aber

Ich wünsche ihnen einen Zebrastreifen für die Seele.


Eine erdachte Situation. Viele Ehen zerbrechen. Aus welchen Gründen auch immer. Eine Person, vorausgesetzt, es sind keine Kinder da, leidet immer unter diesem Bruch. Sind Kinder da, leiden diese wohl noch mehr. Worte selbst können sehr verletzten - seelisch!

Auch hier wünsche ich ihnen einen Zebrastreifen für die Seele.


Ich weiß, dies ist keine Geschichte wie ich sie sonst schreibe. Aber es war mir wichtig, diese zu schreiben.

Sie war ein Zebrastreifen für meine Seele!

© 1991 Tarot