Schwert 9

Unausgesprochene Worte

von Tarot
Schwert 9
 

Schlaflos lag ich in meinem Bett und wälzte mich von einer auf die andere Seite. Knipste das Licht an - schaute auf die Uhr, seufzte und knipste es wieder aus. Der Tag war nicht gerade toll verlaufen. Das neue Computerprogramm geisterte durch meinen Kopf und brachte die alte Wut in mir wieder zum überkochen. Warum wollte dieses Ding nicht so funktionieren, wie all die anderen Programme, die ich bisher kannte?

Ich wollte einfach nicht einsehen, daß ich es nicht kapierte. Meine Laune sank an dem Abend von Minute zu Minute. Es kam selten vor, daß ich aufgab, aber heute war es soweit. Ich wollte das Programm nicht und diese Einstellung zeigte sich bei allen Versuchen, die ich startete. Wieder einmal hatte ich das Programm zornig verlassen und auf das "Programm verlassen" - Symbol gehämmert.

"Was ist los?", fragte mich mein Freund, der mein Tun schon eine Weile mitangeschaut hatte und es gar nicht verstand, wie ich so reagieren konnte. Kannte er mich doch eigentlich bisher immer nur als ausgeglichen und DU SCHAFFST DAS SCHON! An diesem Abend schien es zum ersten Mal nicht zu funktionieren.

Als ich mich dann schmollend aufs Bett warf und über das Programm schimpfte und wetterte, kam er zu mir und versuchte aus mir herauszukriegen, warum ich so wütend war. Ich konnte es nicht einmal genau erklären und bemerkte nur, daß das Programm blöde und bescheuert wäre und ich mein gutes, altes Context wiederhaben wolle. Als er dann auch noch zu mir sagte: "Du bist albern", traf mich das doch sehr tief. Es rumorte in mir und ich konnte es einfach nicht aus meinen Gedanken verdrängen.

Zum ersten Mal war ich nicht in der Lage, mit ihm über die Dinge zu reden, die mich bewegten. Ich konnte meine Einstellung selbst nicht verstehen. Ich war verzweifelt, weil es einfach nicht in meinen Kopf gehen wollte, wie das Programm funktionierte. Ich spürte wie ich eine unsichtbare Mauer um mich herum aufbaute, wie ich ihn nicht mehr an mich heran lassen wollte. Es tat weh - geistig von ihm so weit weg zu sein. Spürte ich doch, wie sehr er versuchte, mich und meine Gedanken - vielmehr meine Wut - zu verstehen. Aber da ich es selbst nicht genau wußte, igelte ich mich in meine Gedanken ein und blockte alles ab, was von ihm als Hilfe kam.

Nun waren schon 6 Stunden seit diesen unseligen Worten: "Du bist albern" vergangen. Seit gut drei Stunden lag ich jetzt hier im Bett - neben ihm und machte mir das Leben selber schwer. Immer wieder gingen meine Gedanken zu diesen Worten. Zu meiner Verzweiflung - wegen des Programmes.

Dann kam die Selbstzerfleischung. Durch die unausgesprochenen Worte von mir - ein paar Worten, die ihm gesagt hätten, daß ich verstehe, was er meinte - aber es fiel einfach leichter, nichts zu sagen und ZU SCHMOLLEN!

Alles wurde noch schlimmer, als ich spürte...oder besser gesagt - als ich mir einbildete - daß er in dieser Nacht nicht so nahe an mich heranrückte wie sonst. Seine Hand weniger oft zu mir herüber kam wie sonst. Unwillkürlich rückte ich ein wenig weiter von ihm ab. Dadurch war der Körperkontakt noch weniger da wie sonst und ich lag da und grübelte und grübelte.

Erst morgens gegen halb Fünf fiel ich in einen unruhigen Schlaf, und am anderen Morgen wurde mir erst einmal so richtig klar, wie sehr man sich selbst bestrafen kann, wenn man zum erforderlichen Zeitpunkt einfach nichts sagt - sich beleidigt in sich selbst verzieht. Aber um immer die Worte auszusprechen, die einen bewegen, gehört viel Kraft. Ich habe mich selbst bestraft. Aber eines fehlt noch - meinen Freund um Verzeihung zu bitten, denn er weiß immer noch nicht, warum ich an dem Abend so zugeknöpft war.

Ich habe daraus gelernt, daß man immer versuchen soll, über alles zu reden, auch wenn es unangenehm ist.

Bei mir wird es nie wieder UNAUSGESPROCHENE WORTE geben.

© 1990 Tarot