Der Stern

Vorbei

von Tarot
Der Stern
 

Marja macht es sich im Wohnzimmer bequem. Sie freut sich auf den heutigen Sonntagnachmittag. Endlich mal wieder ein paar Stunden Ruhe und Entspannung. Selten herrscht in ihrer Wohnung Ruhe. Immer ist etwas los. Entweder sind die Kinder da oder Freunde der Kinder oder Freunde ihres Mannes.

Sie nahm sich vor, sich nichts vorzunehmen, einfach die Zeit zu genießen. Sie ging in die Küche, um sich einen heißen Kakao zu machen, den sie besonders liebte. Ein heißer Kakao und schon war ihre Welt fast wieder in Ordnung.

Sie kuschelte sich in ihren Sessel, nachdem sie den Fernseher eingeschaltet hatte, und stöberte durch die einzelnen Programme. Letztendlich entschied sie sich für den Film "La Boum II" und versank in Erinnerungen. Tiefer Friede zog in ihr ein und sie fühlte sich so richtig wohl.

Bis zu dem Augenblick, als die beiden Hauptdarsteller verliebt bei einem Rockkonzert nebeneinandersaßen, sich verträumt ansahen, um dann gemeinsam ein Feuerzeug in die Höhe zu halten und in dem Lied zu versinken. Tränen der Rührung stiegen ihr in die Augen.

Jetzt versank Marja in ihrer Traumwelt. Sie versuchte sich zurückzuerinnern, ob sie auch jemals so verliebt war. Es war schon so lange her.

Damals war sie gerade 17 Jahre alt, als sie ihren Mann kennenlernte. Doch alles kam anders, als sie es gedacht hatte. Keine verrückte Verliebtheit hatte da Platz, denn er war kein Teenager mehr. In ihren Augen war er ein Mann - ein richtiger Mann. Fast 11 Jahre älter und solche Momente wie in dem Film "La Boum" waren nicht vorgesehen. Dafür gab es Kinobesuche oder feines Essen. Ja, sie erinnerte sich, damals war es aufregend, aber so richtig verliebt?

Nein, richtig verliebt war sie nicht gewesen. Immer geschah es aus anderen Beweggründen, daß sie sich zu etwas entschloß. Wenn sie jetzt über die damalige Zeit nachdachte, so mußte sie ehrlich eingestehen, daß sie sich selbst eigentlich nie richtig entschlossen hatte. Es ergab sich halt einfach so. Traurigkeit überkam sie.

Sehnsüchte erwachten - Wünsche formten sich. Ich möchte auch einmal wieder so richtig verliebt sein. Möchte weinen können, über einen verpaßten Augenblick des Glücks und weinen können vor Freude, jemanden zu treffen.

Ich möchte Schmetterlinge in meinem Bauch spüren vor einem Treffen mit einem Mann, in den ich verliebt bin. Es soll in mir kribbeln, wenn ich zum Telefon greife, um einen Mann anzurufen, dessen Stimme reicht, um mich zittern zu lassen.

Vorbei?

Marja, erwachte aus ihren Träumereien und schalt sich eine Närrin.
Natürlich war es vorbei. Die Zeit des Verliebtseins. Das Kennenlernen eines Menschen.

Vorbei!

Dafür hatte sie aber etwas anderes gewonnen. Ein starkes Gefühl für ihren Mann, mit dem sie über Jahre hinweg durch Höhen und Tiefen gegangen war. Das gemeinsame Bangen, ob das Kind, welches sie zu dem Zeitpunkt unter dem Herzen trug, auch gesund war. Die Frage, ob es im Beruf so klappte wie erträumt. Das zärtliche Gefühl für die Kinder. Die Sorgen, wenn sie noch nicht zu Hause waren oder auch nur, wenn sie mal krank waren.

Vorbei, die Sehnsucht nach einer Verliebtheit. Sie hatte etwas anderes gewonnen. Das Gefühl gebraucht zu werden und das Gefühl geliebt zu werden, von dem Mann und von den Kindern.

Vorbei...war aber nicht das Gefühl, etwas im Leben versäumt zu haben.

© 1992 Tarot