Der Narr

Strafzettel

von Tarot
Der Narr
 

Wieder einmal war es sehr spät geworden. Müde und zerschlagen befand ich mich auf dem Weg nach Hause. Die A 430 lag wie ausgestorben vor mir. Kein Wunder, zeigte die Uhr in meinem Wagen ja auch schon 22.45 Uhr. Ich hatte nur noch den Wunsch nach Hause zu kommen.
'Gut, dass ich die Strecke ziemlich gut kenne', denke ich noch und lasse den Wagen noch ein bisschen schneller fahren. Warum ich gerade auf der linken Fahrspur fahre, weiß ich eigentlich nicht genau, da ich ja fast allein auf der Autobahn bin, macht aber vielleicht auch die Gewohnheit, wenn man (Frau) einen schnellen Wagen fährt.
Plötzlich naht von hinten ein weiteres Fahrzeug. Naja, denke ich, bin ja nicht so, lass ihn mal vorbei. Gemächlich ziehe ich den Mercedes auf die rechte Fahrspur, um den Wagen, dessen Fahrer es anscheinend noch eiliger hat als ich, vorbeizulassen. Da ist er schon vorbei und ... aus dem Beifahrerfenster erscheint eine Kelle, mit der mir unmissverständlich gewinkt wird.

'Sch...', denke ich noch und lasse meinen Blick auf die Tachonadel fallen: 150km/h.

So ein Mist. Natürlich weiß ich genau, dass ich hier nur 80 fahren darf. Mist, Mist, Mist, wieder 150,- DM Haushaltsgeld weniger. 'Was nun?', überlege ich und fahre dem Polizeiwagen hinterher. Dieser fährt Meter um Meter vor mir her, denn unter der Brücke vor Bochum-Hamme ist nun mal kein Standstreifen. So kommt es, dass er mich fast vier Kilometer hinter sich herziehen muss, bevor er seinen Wagen zum Stehen bringen kann. Schnell angele ich mir von meinem Rücksitz eine Packung fertige Frikadellen (gut, dass ich in der Metro war, um einzukaufen) und lege sie auf den Beifahrersitz - so, nun noch schnell in eine reingebissen und...ein leidendes Gesicht aufgesetzt. Da kommt der Beamte schon an meinen Wagen, ich lasse das Seitenfenster herunter und schaue den Beamten ganz fragend an.

"Sagen Sie mal", beginnt der noch ziemlich junge Beamte, "wissen Sie, warum wir Sie angehalten haben?"

"Ja!"

"So, warum denn?"

"Nun, ich bin 150 gefahren."

"Hm - und wissen Sie denn auch, wie schnell sie fahren durften?"

"Ja - 80."

Diese Antworten verwirrten den Polizisten sehr, das konnte ich seinem Gesicht ziemlich deutlich ablesen.

"Ja, aber wenn Sie doch wissen, dass Sie nur 80 fahren dürfen, warum fahren Sie denn dann so schnell?"

"Herr Wachtmeister, das kann ich Ihnen erklären. Ich war vorhin mit ein paar Freunden bei einem Chinesen essen. Und das muss mir wohl nicht richtig bekommen sein. Auf jeden Fall habe ich vorhin hier in die Frikadelle gebissen und danach ist mir sooooooo schlecht geworden. Herr Wachtmeister - ich glaube ich muss mal aussteigen."

Demonstrativ legte ich meine Hand um meinen Hals, als wenn ich das Würgen so zurückhalten könnte.

"Ja, aber, Sie können doch deshalb nicht einfach die Verkehrsregeln übertreten."

"Schon, aber mir waren die Regeln eigentlich egal, ich wollte nur so schnell wie möglich nach Hause, bevor ich brechen muss."

Mit diesen Worten bewegte ich mich ziemlich zielstrebig auf die Leitplanke zu.

"Naja, dann muss ich Sie wohl verwarnen. Sind sie mit einer Verwarnung von 20,- DM einverstanden?"

"Herr Wachtmeister, dass ist mir eigentlich ziemlich egal, aber nun machen Sie doch schnell", sprach es und ließ mich über die Leitplanke sinken und würgte leicht.

Während der Polizeibeamte den Strafzettel ausfüllte, schaute ich in mein Portomonaie und musste feststellen, dass ich nur große Geldscheine darin hatte.

"Herr Wachtmeister, ich glaube, ich kann gar nicht bezahlen."

"Wieso, haben sie kein Geld dabei?"

"Doch, aber nur 100,-DM - Scheine!"

"Hm, mal sehen."

Während der Beamte noch in seinem Privaten- und dem Dienstportemonaie nachsah, entdeckte ich noch einen 50-DM-Schein und sagte dies auch dem freundlichen Beamten. Dieser hörte es jedoch nicht, vielleicht weil er so intensiv am schreiben war? Ich gab ihm dann den 50-DM-Schein und er gab mir 80,- DM zurück. Ich nahm das Geld und den Strafzettel und ging zu meinem Wagen. Leider bemerkte der Beamte dies Versehen noch, bevor ich weiterfahren konnte.
Mit den Worten: "Jetzt fahren Sie aber nicht mehr so schnell!" wollte er sich von mir verabschieden. Doch 'ehrlich' wie ich war, antwortete ich:

"Dann weiß ich aber nicht, ob ich es noch bis nach Hause schaffe, deshalb muss ich mich schon beeilen. Auf Wiedersehen!"

© 1990 Tarot