Rad des Schicksals

Zauberspiegel

von Tarot
Rad des Schicksals
 

Die Zigeunerin auf dem Jahrmarkt in der kleinen Stadt war eine alte weise Frau, die aber so nett war, daß selbst die kleinen Kinder sie anschauten, ohne sich zu fürchten. An schönen Tagen saß die alte Zigeunerin manchmal vor ihrem Wagen und genoß die warmen Sonnenstrahlen.

Wieder war so ein herrlicher Sonnentag, und die Zigeunerin saß auf einem alten Schaukelstuhl, als sie inmitten all der fröhlichen Menschen ein kleines Mädchen bemerkte. Es tollte nicht wie die anderen Kinder herum und zerrte die Eltern hier zu dem Karussell oder da zu den Ponys. Nein, es stand ziemlich traurig da, die kleinen Händchen hinter dem Rücken verschränkt. Die großen Augen blickten ziemlich stumpf umher. Keine Freude war ihnen anzusehen.

"Janine, Janine, wo bist du denn schon wieder?" Atemlos kam eine Ordensschwester daher und schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. "Janine, du kannst doch nicht immer von der Gruppe weggehen, wir müssen doch zusammenbleiben. Komm, wir wollen alle mit dem Kettenkarussell fahren." Doch das kleine Mädchen schüttelte den Kopf. Ganz traurig blickte sie zu der Schwester hoch und eine kleine Träne kullerte über ihr Gesicht.

"Ich mag nicht, bitt schön, ich möchte hier stehenbleiben."

"Nun gut, ich möchte dich nicht zwingen, aber bitte lauf nicht weg."

Dieses kleine Zwischenspiel hatte die alte Zigeunerin beobachtet und ein wenig Mitleid beschlich sie. Was mag nur mit dem kleinen Mädchen los sein? Sie stand von ihrem Platz auf und ging in ihren Wohnwagen. Da hörte man sie eine Weile hantieren, dann kam sie wieder heraus. Sie ging über den Platz und auf Janine zu.

"Guten Tag, Janine. Du schaust aber traurig aus."

Erstaunt blickten zwei große Kinderaugen die alte Zigeunerin an. "Aber woher wissen denn sie, daß ich Janine heiße? Sie kennen mich doch gar nicht. Außerdem, ich bin gar nicht traurig, ich mag nur nicht Karussell fahren. Ich fahre erst wieder Karussell, wenn meine Mami mich wieder nach Hause geholt hat."

"Deine Mami? Ja, aber wo ist denn deine Mami?"

"Das weiß ich nicht. Ich war mit den Kindern in den Ferien, aber dann hat meine Mami mich nicht abgeholt, und jetzt bin ich im Kinderheim, bei den Schwestern."

"Deine Mami hat dich nicht abgeholt?"

"Nein."

"Paß auf, kleine Janine. - Ich habe hier ein Geschenk für dich. Aber es ist nur für dich. Es ist ein kleiner Spiegel. Und immer wenn du jemanden ganz doll lieb hast, dann kannst du in den Spiegel sehen. Du mußt aber ganz fest an den Menschen oder das Tier denken, dann kannst du ihn oder es sehen. Aber du mußt auch an den Spiegel glauben."

Mit den letzten Worten hatte die alte Zigeunerin der kleinen Janine den Zauberspiegel in die Hand gedrückt und ganz vorsichtig die kleinen Fingerchen darüber geschlossen. Janine schaute den Spiegel an. Es war ein alter Spiegel, er glänzte schon gar nicht mehr so, aber er fühlte sich ganz warm in ihrer Hand an. Sorgsam steckte sie ihn in die Tasche ihres Mantels.

Kurz darauf kam die Schwester mit den anderen Kindern und alle machten sich auf den Weg ins Kinderheim.

Abends, als Janine in ihrem Bett lag, mußte sie immer wieder an die alte Zigeunerin denken. Ganz langsam schob sie ihre Hand unter das Kopfkissen, um zu fühlen, ob der Spiegel noch da war. Kaum berührten die Fingerchen den Spiegel, begann er sich wieder leicht zu erwärmen. Erst nach Tagen, nachdem die kleine Janine immer wieder über das nachgedacht hatte, was die alte Zigeunerin ihr gesagt hatte, setzte sie sich auf ihr Bett, nahm den Spiegel in ihre beiden Hände und formte mit ihren Fingerchen eine Art Trichter, durch den sie auf den Spiegel schauen konnte. Dann schloß sie ihre Augen und dachte ganz fest an ihre Mami. So wie sie da stand auf dem Bahnhof und ganz doll winkte, damals vor einem Jahr, als sie mit den anderen Kindern in die Ferien fahren durfte. Ganz deutlich sah sie ihre Mami, da auf dem Bahnsteig, dann machte Janine die Augen auf und schaute in den Spiegel. Ganz groß wurden da ihre Augen, groß und dunkel. Da sah sie das liebe Gesicht ihrer Mami, aber was war nur mit ihr? Sie lag da in einem Bett und sie hatte gar nicht so lustige rote Wangen, wie sie sie immer hatte, weil sie mit ihr, Janine, immer soviel spazieren gegangen war.

"Mami," flüsterte der Kindermund. "Mami, ich werde dich suchen. Der Spiegel wird mir helfen. Der Spiegel hat mir gezeigt, daß du in einem Bett liegst, der Spiegel wird mich auch zu dir bringen."

Am anderen Tag machte sich Janine auf den Weg. Sie wollte erst zu der Zigeunerin auf den Jahrmarkt, vielleicht konnte sie ihr ja weiter helfen.

Doch der Jahrmarkt war schon eine Stadt weitergezogen. Also machte sich das kleine Mädchen auch auf den Weg in die nächste Stadt und dann wieder und wieder in die nächste Stadt. Nach einigen Wochen hatte sie die Zigeunerin gefunden. Ganz zaghaft ging sie auf den Wagen zu und rief:

"Hallo, hallo ist da jemand?"

"Aber ja doch, Janine, komm nur herein, ich habe schon gesehen, daß du mich suchst und eine lange Reise hierher gemacht hast. Sag mir, was möchtest du, mein Kind? Aber erst einmal werde ich dir einen Kakao machen und ein Brötchen habe ich auch noch für dich."

Nachdem Janine den Kakao getrunken und das weiche Milchbrötchen gegessen hatte, bedankte sie sich für Speis und Trank und sah dann die Zigeunerin ganz erwartungsvoll an.

"Sag, Janine, hast du jemandem von dem Spiegel erzählt, oder ihn gar jemanden gezeigt?"

Ganz erstaunt schüttelte Janine das Köpfchen. "Nein, niemand hat ihn gesehen, nur ich und ich habe auch niemandem davon erzählt. Aber meine Mami habe ich gesehen. In dem Spiegel! Ganz deutlich, aber sie liegt immer in einem Bett und sie hört mich nicht. Und ganz traurig ist sie."

"Dann wollen wir einmal schauen. Janine, setz dich hierher, zu mir. Und jetzt wollen wir beide gemeinsam versuchen, etwas von dem Zauberspiegel zu erfahren. Komm, zeig mir, wie du es machst."

Janine schaute vertrauensvoll zu der alten Zigeunerin hoch. Dann holte sie sorgsam den Spiegel aus der Tasche des verschlissenen Mäntelchens. Sie nahm den Spiegel zwischen ihre kleinen Hände und wartete, daß er sich wie immer leicht erwärmte. Dann schloß sie die Augen und dachte ganz fest an ihre Mami, die da auf dem Bahnsteig stand und ihr ganz fröhlich zuwinkte. Dann öffnete sie die Fingerchen, um damit den Trichter zu bilden und schaute in den Spiegel.

"Da liegt meine Mami und sie sieht immer noch traurig aus." Voller Zutrauen ließ Janine die alte Zigeunerin in den Spiegel schauen.

"Jetzt habe ich deine Mami gesehen. Sie ist sehr schön, aber sie sieht krank aus. Janine, sag mir, wann du deine Mami das letzte Mal gesehen hast."

"Das war, als ich im letzten Sommer mit den anderen Kindern in den Kinderurlaub gefahren bin. Meine Mami wollte auch wegfahren, weil sie doch auch mal Urlaub braucht, weil sie für mich und sich arbeiten muß, seit mein Papi gestorben ist. Dann wollte sie mich am Bahnhof wieder abholen, wenn ich zurückkomme. Aber sie war nicht da und sie ist auch nicht gekommen, auch nicht später."

"Tja, dann müssen wir noch mal den Spiegel fragen. Laß mich noch einmal genau hineinsehen."

Voller Vertrauen hielt Janine der Zigeunerin die geformten Händchen entgegen und ließ sie hineinsehen. Nachdem die Zigeunerin längere Zeit hineingesehen hatte, ging plötzlich ein Leuchten über das runzlige Gesicht.

Sie wußte nun, was passiert war, denn der Zauberspiegel hatte seine Macht gezeigt und das Bild ein klein wenig verändert.

"Schau, Janine, schau genau in den Spiegel und denk an deine Mami."

Janine schaute in den Spiegel. Ja, da, jetzt sah sie es auch.
Bisher hatte sie immer nur ein Bett gesehen und ihre Mami in dem Bett. Aber jetzt wurde das Bett kleiner und ging immer weiter in den Hintergrund zurück, jetzt konnte man schon das ganze Zimmer sehen, und dann ein großes Haus...ein Krankenhaus. Und noch weiter ging das Bild tiefer und tiefer in den Spiegel hinein, das Haus wurde kleiner und bald konnte man den ganzen Ort sehen und da, da war ein Schild. Ganz deutlich konnte man es jetzt lesen:

W e i k e r s h e i m .

"Da ist meine Mami? Da ist ganz ehrlich meine Mami? Da kann ich sie finden?" Ganz aufgeregt war Janine und die Tränen liefen über ihr Gesicht.

"Aber wo ist denn das? Weikersheim?"

"Komm her, kleine Janine, und sei jetzt nicht mehr traurig. Morgen werden wir deine Mami besuchen gehen. Morgen, heute ist es schon zu spät. Komm und schlaf ein wenig, du wirst sehen, es wird alles wieder gut."

Am anderen Morgen machten sich Janine und die alte Zigeunerin auf den Weg nach Weikersheim. Sie brauchten nur wenige Stunden. Janine begann ganz unruhig auf dem Sitz des Pferdewagens hin und her zu rutschen.

"Da, da ist das Schild."

Sie hatte schon ganz glühende Wangen. Nach kurzer Zeit hatten sie dann auch das Krankenhaus gefunden. Hier sagte die Zigeunerin:

"So, kleine Janine, jetzt ist der Moment gekommen, auf den du so lange gewartest hast. Komm!" Sie betraten gemeinsam das Krankenhaus und fragten bei der Schwester nach Janines Mami.

"Ja, aber dann sag mir doch mal wie du heißt, damit ich herausfinden kann, ob deine Mami hier bei uns liegt." "Ich heiße Janine Andergast und meine Mami heißt Valerie Andergast."

"Hm, eine Valerie Andergast haben wir hier nicht."

"Aber meine Mami ist hier, daß weiß ich ganz genau!"

Schon wieder füllten Tränen die Kinderaugen. Die Schwester dachte nach und plötzlich fiel ihr etwas ein. Sie bat Janine und die Zigeunerin einen Augenblick zu warten. Kurze Zeit später kam die Schwester mit einem Doktor zurück.

"Hier bringe ich Dr. Rainer zu ihnen, ich glaube, er kann ihnen weiterhelfen."

"Guten Morgen, kleines Fräulein, du suchst deine Mami. Sag mal, seit wann suchst du denn deine Mami?"

"Seit dem letzten Sommer. Sie wollte mich am Bahnhof abholen, aber sie war nicht da."

"Dann komm mal mit, ich glaube nämlich fast, daß deine Mami hier bei uns ist. Weißt du, wenn es deine Mami ist, dann ist sie sehr krank, aber ich glaube, du kannst sie ganz schnell wieder gesund machen."

Als Janine mit dem Doktor durch verschiedene Flure und über einige Treppen gelaufen war, standen sie vor einer Tür. Ängstlich, aber auch hoffnungsvoll schaute sie zu dem Doktor hoch. Jetzt öffnete er die Tür und da lag ihre Mami, genauso wie sie sie immer im Zauberspiegel gesehen hatte.

"Mami, Mami!" rief Janine und lief auf das Bett zu. "Mami, was ist mit dir, du schaust so krank und müde aus." Die Frau im Bett öffnete ihre Augen und schaute das Kind erst verständnislos an, aber dann ging plötzlich ein Strahlen über ihr Gesicht und sie breitete ihre Arme aus und rief:

"Janine, mein kleines Mädchen, komm in meine Arme." Nachdem die beiden sich eine ganze Weile in den Armen lagen, fragte Janine:

"Warum hast du mich nicht vom Bahnhof abgeholt?" Doch bevor Janines Mama etwas sagen konnte, sagte Dr. Rainer: "Nun, kleines Fräulein, du hast deine Mami gerade wieder gesund gemacht. Sie war hier im Urlaub erst gerade angekommen, als ein Auto sie angefahren hat. Sie hatte keine Papiere bei sich und niemand wußte, wer sie war. Als deine Mami wieder aufwachte, wußte sie nicht mehr, wer sie war und keiner konnte es ihr sagen. Es war ein großer Schock für sie. Seit dem Tag an liegt sie hier im Bett und grübelt und grübelt. Aber eines hat sie immer gesagt: 'Was wird mein kleines Mädchen sagen?'. Erst jetzt, als du zur Tür herein kamst, ist alles wieder gut geworden. Bravo, mein Fräulein, das hast du prima gemacht. Ich glaube, noch ein paar Tage, dann kann deine Mami wieder mit dir nach Hause gehen."

Noch Stunden saßen Janine und ihre Mami auf dem Bett und Janine erzählte und erzählte. Dabei vergaß sie auch die alte Zigeunerin nicht. Doch als sie sie holen wollte, war sie nicht mehr da.

Auch ihre Manteltasche war leer, aber nun brauchte sie ja den Zauberspiegel nicht mehr, denn der Zauberspiegel hatte ihr ihre Mami zurückgegeben.

© 1992 Tarot