Der Magier

Sich selber finden

von Tarot
Der Magier
 

Ziellos wanderte Stefan nun schon seit Stunden über Wege, die er nie zuvor gegangen war. Seine Gedanken wanderten wieder und wieder zurück. Zurück zu dem Morgen, an dem ihm zum ersten Mal bewußt wurde, daß er nicht mehr er selber war.

Wie konnte es nur passieren, daß er so aus der Rolle gefallen war, er, gerade er, der immer für alle anderen da war, der allen seinen Freunden das Gefühl geben konnte: 'Hier bin ich; wenn ihr mich braucht, dann bin ich für euch da'?. Seit Wochen spürte er schon, daß nicht mehr alles war wie noch vor ein paar Monaten. Heute früh, als er bei Thorsten war und wegen einer Nichtigkeit mit ihm so in Streit geriet, daß Thorsten ihn bat, lieber zu gehen.

Stefan spürte seine Beine kaum noch, er lief immer noch ziellos durch den Wald. Da sah er auf einer Lichtung einen Hochsitz stehen, er kletterte hinauf, denn er wollte sich ein klein wenig ausruhen, nur ein kleines bißchen verschnaufen, und dann... ja, was dann werden sollte, wußte er selber noch nicht.

Er setzte sich auf den Hochsitz und stützte die Arme auf der Brüstung auf, die vor ihm war, sein Kopf wurde schwer und er legte ihn auf seine Unterarme, nur ein bißchen ausruhen, dachte er noch und dann fielen ihm auch schon die Augen zu.

Im Traum sah er ein kleines Mädchen. Es weinte bitterlich. Da kam ein kleiner Bub daher und fragte: "Was hast Du denn?"

"Ich...", schluchzte das Mädchen, "ich suche schon so lange, aber ich kann sie nicht finden."

"Was kannst Du nicht finden?" fragte der kleine Bub und begann das Mädchen unbeholfen zu streicheln. "So sag mir doch, was Du suchst, vielleicht kann ich Dir ja helfen."

"Mir kann niemand helfen. Ich suche die Freude... aber niemand weiß, wo ich die Freude finden kann."

"Die Freude?", fragte der Junge, "ja, was denn für Freude, und für wen?"

"Für meine große Schwester. Sie war immer so lieb zu mir. Unsere Eltern sind vor ein paar Jahren gestorben und deshalb habe ich immer bei meiner Schwester gewohnt. Sie hat immer für mich gesorgt, war immer für mich da. Sie war bei mir, wenn ich krank war, und wir haben auch viele schöne Dinge miteinander unternommen. Wir sind in den Tierpark gegangen oder zum Schwimmen an den See gefahren. Sie war immer so lustig, aber seit ein paar Wochen ist sie ganz anders. Weißt Du, ich glaube, sie hat keine Freude mehr. Sie geht nirgendwo allein hin, weil sie mich nicht allein lassen will, und dabei hat schon zweimal der nette Mann von nebenan angerufen, ob sie mit zum Tanzen geht. Aber immer hat sie Nein gesagt. Sie will mich nicht alleine lassen, sagt sie - sie fühlt sich für mich verantwortlich.
Seit dem letzten Telefonat ist sie so, so anders geworden. Ich weiß nicht, was er noch gesagt hat, aber sie lacht nicht mehr und sie geht auch nicht mehr in den Tierpark mit mir. Ich glaube, sie hat die Freude verloren und deshalb will ich die Freude suchen, damit ich sie ihr wiederbringen kann. Nur, ich weiß nicht, wo ich sie finde, keiner weiß, wo ich die Freude finden kann...", und wieder schüttelte ein wildes Schluchzen das kleine Mädchen.

Entschlossen packte der kleine Bub das Mädchen bei der Hand.

"Komm mit", sagte er, "komm mit, wir gehen zu meiner Oma - sie ist sehr alt, aber sie ist auch seeeeeehr lieb. Meine Omi weiß alles."

Als die beiden Kinder eine Weile später bei der alten Oma im Wohnzimmer saßen, sah die alte Dame die beiden Kinder an und sprach: "Bevor ihr mir erzählt, was euch bedrückt, werde ich uns eine große Kanne heißen Kakao kochen. Ihr werdet sehen, dann sieht alles wieder ganz anders aus."

Als vor den Dreien eine große Tasse dampfenden Kakaos stand, begann der kleine Bub:

"Omi, Du bist doch schon so alt, und Du weißt doch auch alles, wo kann man die Freude finden?"

"Die Freude? Welche Freude? Weißt Du, mein Bub - es gibt so viele verschiedene Arten von Freude. Einige Menschen haben Freude daran, anderen zu helfen, so wie Du, mein Junge. Andere wieder haben Freude daran, ein gutes Buch zu lesen, und wieder andere haben Freude an guter Musik. Es gibt so viele verschiedene Arten von Freude. Nur...jeder Mensch muß erst einmal selber herausfinden, woran er Freude hat. Es gibt Menschen, die suchen ihr ganzes Leben nach dem, was ihnen Freude macht. Manchmal glauben sie auch, es schon gefunden zu haben. Dann tun sie das, wovon sie glauben, daß es ihnen Freude macht, bis sie irgendwann spüren, das war doch nicht das, was sie möchten. Andere finden es gar nicht heraus. Das sind arme Menschen. Aber glaube mir, mein Bub...", bei diesen Worten nahm sie den Buben in den einen, und das kleine Mädchen in den anderen Arm, "jeder hat etwas, woran er Freude hat. Wenn er ganz fest an sich glaubt, dann wird er es auch finden. Nur, er muß es auch suchen."

So ganz verstanden es die beiden Kinder noch nicht, aber irgendwie fühlten sie sich getröstet. "Ich bringe Dich jetzt lieber nach Hause", meinte der Bub, "sonst macht sich Deine Schwester noch Sorgen um Dich."

Auf dem Nachhauseweg sprachen die Kinder noch über das, was die alte Frau ihnen erzählt hatte und das Mädchen fragte: "Du glaubst, daß meine Schwester alle ihre Freude verloren hat, weil sie nicht mehr nur das tun konnte, was sie möchte, nur weil sie Angst hatte, ich möchte es nicht? So was Dummes, irgendwann bin ich doch auch groß und dann werde ich doch auch meine eigene Freude suchen müssen. Jetzt muß sie doch ihre eigene Freude suchen."

Stefan erwachte. Eine kräftige Hand rüttelte an seiner Schulter: "Hey Sie, was machen Sie hier oben?"

Stefan blinzelte: "Oh, entschuldigen Sie...", meinte er, als er in dem Mann vor ihm einen Förster an seiner Uniform erkannte. "Ich lief seit Stunden durch diesen Wald und habe mich dabei verlaufen. Ich wollte mich nur ein bißchen ausruhen, dabei muß ich wohl eingeschlafen sein."

"Ist schon gut", brummelte der Förster und meinte: "Kommen Sie, ich bringe Sie aus dem Wald heraus.

Als Stefan dann spät abends wieder zu Hause in seinem eigenen Bett lag, fiel ihm der Traum wieder ein. Die beiden Kinder. Ja, was war nur mit den beiden Kindern? Sie haben doch etwas gesucht, was war es nur?

Jetzt fiel es ihm wieder ein: Sie haben die Freude gesucht. Die Freude, ja genau, das war es, aber was hatte dieser Traum zu bedeuten? Was will mir der Traum sagen, dachte Stefan? Ob ich selber damit gemeint war? Ob ich meine Freude suchen muß?

Ja, was ist denn meine Freude? Es gibt viele Dinge, die ich gern tue, aber es gibt auch Dinge, die ich früher gern getan habe und die ich in letzter Zeit sehr vernachlässigt habe. Die Freude, grübelte Stefan weiter. Ich muß meine eigene Freude finden... und mit diesem Gedanken schlief er ein.

Ein paar Monate später war Stefan wieder ganz der alte. Der Traum damals auf dem Hochsitz hatte ihm die Augen geöffnet. Er hatte sich so nach und nach ganz selbst aufgegeben. Hatte nur noch das getan, was die anderen von ihm erwarteten. War immer für alle anderen da... nur einen hatte er ganz vergessen, und das war er selbst. Er hatte immer versucht, anderen eine Freude zu machen. Nur seine eigene Freude hatte er dabei verloren.

Das würde ihm nie wieder passieren, denn er hatte selbst gespürt, wie wichtig es war, seine eigene Freude zu finden und sie festzuhalten.

© 1989 Tarot