Kelch 4

Streicheleinheiten für die Seele

von Tarot
Kelch 4
 

Aus dem Kinderzimmer ertönt großes Geschrei. Kaum kann man die Kinderstimmen voneinander unterscheiden. Da öffnet sich die Tür und die Omi der beiden tritt ins Zimmer und fragt leise, aber bestimmt: "Habt ihr euch wieder wegen einer Kleinigkeit gestritten? Kommt her ihr zwei, ich will euch eine kleine Geschichte erzählen."

Nach der üblichen Rangelei um den besseren Platz neben der Omi sitzen die zwei nun da und sind sehr gespannt. Die Omi legt je einen Arm um ihre Enkel und beginnt:

"Vor langer Zeit lebten die Menschen auf dieser Welt zufriedener und glücklicher als heute. Jedem wurde damals bei der Geburt ein kleiner warmer Sack mit auf den Lebensweg gegeben. In diesem Sack befanden sich unzählige kleine Streicheleinheiten, die warme Schmuser genannt wurden. Diese Schmuser waren so reichhaltig in dem Sack vorhanden, dass jeder Mensch Schmuser an seine Mitmenschen verschenken konnte, wenn es ihm beliebte. Die Nachfrage nach diesen Schmusern war groß, denn wer einen geschenkt bekam, fühlte sich am ganzen Körper wohlig warm und liebkost. Wenn er ausnahmsweise einmal zu wenig Schmuser geschenkt bekam, lief er Gefahr, sich eine schlimme Krankheit einzuhandeln, die zu Verschrumpelung, Verhärtung oder gar zum Tode führen konnte.

Aber zum Glück war es damals leicht, Schmuser zu bekommen. Immer wenn einem danach war, konnte man auf einen anderen zugehen und um einen Schmuser bitten. Der andere holte wie selbstverständlich einen Schmuser aus seinem Sack, und sobald man sich diesen Schmuser zum Beispiel auf die Schulter gelegt hatte, fühlte man sich wohl und bekam ein rundum gutes Gefühl. Die Menschen erbaten oft Schmuser voneinander, und da sie auch freigebig verteilt wurden, war es kein Problem, genügend davon zu bekommen.

Alle Menschen fühlten sich die meiste Zeit wohl, glücklich und liebgehabt, bis eines Tages eine Hexe darüber sehr böse wurde. Sie hatte nämlich einen großen Vorrat an Tinkturen und Salben für diejenigen, die tatsächlich einmal krank wurden, doch brauchte kaum jemand ihre Mittel, weil es allen so gut ging.

Sie begann deshalb den Menschen einzureden, dass ihnen die Schmuser bald ausgehen würden, wenn sie weiter so freigebig damit umgehen würden. Und die Menschen glaubten ihr - seltsamerweise.

Sie fingen an, über ihre Schmuser zu wachen und nicht mehr so großzügig damit umzugehen. Viele beobachteten neidisch ihre Mitmenschen, wenn diese anderen einmal einen Schmuser schenkten, wurden oft böse und machten ihnen Vorwürfe. Die Beschimpften wollten ihren Eltern, Kindern oder Partnern nicht wehtun und bemühten sich deshalb, anderen keine Schmuser mehr zukommen zu lassen. Die Kinder lernten schnell. Sie merkten, dass es scheinbar falsch ist, seine Schmuser all denen zu schenken, die darauf Lust hatten.

Obwohl immer noch jeder in seinem Sack genügend Schmuser fand, holten die Menschen immer seltener einen hervor. Die Folgen waren schrecklich:

Immer weniger Menschen erhielten die Schmuser, die sie brauchten; immer mehr fühlten sich nicht mehr warm, glücklich und liebkost. Viele wurden krank und einige starben sogar an Schmusermangel.

Die Hexe konnte jetzt viele Arzneien verkaufen, merkte aber bald, dass sie gar nicht zu helfen schienen. Natürlich wollte sie auch nicht, dass die Menschen starben, denn wer sollte sonst ihre Mittelchen kaufen?

Also erfand sie huschdiwusch etwas Neues: "Kalte Fröstler". Sie verkaufte jedem, der es wollte, einen Sack mit kalten Fröstlern. Die Fröstler sahen fast genauso aus wie die Schmuser, nur gaben sie den Menschen kein warmes und liebkosendes Gefühl, sondern ein kaltes fröstelndes. Aber sie ließen immerhin die Menschen nicht mehr verschrumpeln und sterben.

Wenn jetzt jemand einen warmen Schmuser haben wollte, konnten ihm die Leute, die Angst um ihren Schmuservorrat hatten, statt dessen einen Fröstler anbieten. Zwar starben kaum noch Menschen an Schmusermangel, weil sie ihn einigermaßen mit Fröstlern ausgleichen konnten, aber die meisten fühlten sich nicht mehr wohl und liefen verbittert und vom Leben enttäuscht umher.

Schmuser waren ungeheuer wertvoll geworden: Eltern ermahnten ihre Kinder, sich genau zu überlegen, wem sie einen Schmuser geben; Paare wachten eifersüchtig über den Schmuservorrat des anderen; Kinder neideten ihren Eltern die Schmuser, die diese sich gegenseitig gaben.

Früher waren oft viele Menschen in Gruppen zusammengekommen, ohne sich darum zu kümmern, wer wem Schmuser schenkte. Jetzt schlossen sich alle zu Paaren zusammen und behielten mißtrauisch ihre Schmuser für sich. Wer versehentlich oder weil er gerade Lust dazu hatte, einmal einem anderen einen Schmuser gab, fühlte sich auch gleich danach schuldig, weil er wusste, dass ihm sein Partner das übelnehmen würde. Und wer keinen freigebigen Partner finden konnte, musste sich Schmuser kaufen, wenn er welche wollte, und für das Geld Überstunden machen. Einige Leute wurden irgendwie beliebter als die anderen und bekamen eine Menge Schmuser, ohne selber welche hergeben zu müssen. Sie verkauften ihre Schmuser dann zu hohen Preisen.

Ein paar ganz raffinierte Menschen hatten eine Idee: Sie sammelten kalte Fröstler, die ja recht billig und in Mengen zu haben waren, veränderten sie etwas und verkauften sie für viel Geld als warme Schmuser. Diese scheinbar warmen und flauschigen Schmuser waren nichts weiter als Plastikschmuser oder Schmuserimitationen und schufen noch mehr Probleme. Sie hinterließen nach ihrem Gebrauch das Gefühl, etwas verpasst zu haben, machten regelrecht süchtig danach, immer wieder und immer mehr davon zu kaufen. Viele starben schließlich, weil sie einfach zu viele Plastikschmuser verbraucht hatten. Über diese "Süchtigen" regten sich zwar die "normalen" Menschen furchtbar auf, aber sie konnten weder die Plastikschmuser aus der Welt schaffen noch das Bedürfnis danach. Oft passierte es, dass sich zwei Menschen trafen, um warme Schmuser auszutauschen und ein gutes Gefühl zu bekommen, bekamen aber Plastikschmuser. Nach den ersten Minuten oder Stunden spürten sie dann, dass ihnen nur ein kaltes fröstelndes Gefühl geblieben war, das sie so schnell wie möglich wieder loswerden wollten. Deshalb kauften sie schnell neue und gerieten in einen Kreislauf, aus dem sie alleine niemals herausfinden konnten.

Überhaupt gab es in dieser Zeit viel Verwirrung unter den Menschen. Keiner fand sich mehr so zurecht, wie es früher gewesen war. Und alles nur, weil die Hexe ihnen eingeredet hatte, es gäbe nicht genügend Schmuser!

Nach einiger Zeit kam nun eine Frau zu ihnen, die offensichtlich noch nichts von der Hexe gehört zu haben schien. Sie sorgte sich überhaupt nicht um ihren Schmuservorrat und verteilte so freigebig, wie niemand sonst, sogar ohne darum gebeten worden zu sein. Man nennt sie die "Hippiefrau".

Die Erwachsenen waren anfangs sehr verärgert, vermittelte doch diese Frau den Kindern die fixe Idee, es gäbe noch genügend Schmuser in ihren Säcken. Die Kinder mochten diese Frau sehr und lernten langsam wieder, dass es immer ausreichend Schmuser geben würde. Doch die Erwachsenen waren schon so verhärtet und festgefahren in ihren Vorstellungen, dass sie die Botschaft der Hippiefrau nicht begriffen. Deshalb sollte sogar ein Gesetz erlassen werden, das den verschwenderischen Gebrauch von Schmusern unter Strafe stellen sollte. Es sollte die Kinder davor schützen, ihre Schmuser zu vergeuden.

Zum Glück kümmerten sich die Kinder nicht um dieses Gesetz, und wir können hoffen, dass auch die Erwachsenen sich langsam wieder an die Zeit erinnern, in der sich jeder wohl und liebgehabt fühlte, weil es warme Schmuser in Hülle und Fülle gab."


Die Stimme der alten Dame war zum Schluß ganz leise geworden. Auch die Kinder waren mucksmäuschenstill.

Vielleicht haben die Kinder diese Geschichte noch nicht so richtig verstanden, aber ich hoffe doch sehr, dass einige der Leser darüber nachdenken werden, was sie soeben gelesen haben:

Werden wir endlich wieder damit beginnen, so viele Schmuser zu verschenken, wie jeder braucht? Fangen wir doch heute schon damit an, so oft wie möglich in unseren Schmusersack zu greifen.

Vielleicht sollte man mal das Wort Schmuser mit "Verständnis" - "Zuneigung" - "Wärme" - "Geborgenheit" - oder hundert anderen Möglichkeiten austauschen.

© 1994 Tarot