Scheiben 5

"Schrei in der Dunkelheit"

von Tarot
Scheiben 5
 

Gedanken über den Film "Schrei in der Dunkelheit"

Der Film spielt in Australien: Eine Pastorenfamilie, Vater, Mutter, zwei Söhne, ca. fünf und drei Jahre alt und ein neun Wochen altes Töchterchen planen einen Campingurlaub.

In die Urlaubsvorbereitung hinein fällt noch ein Vortrag des Vaters in seiner Funktion als Pastor. Er hält eine leidenschaftliche Rede gegen das Rauchen und in der Folge des effektvoll vorgetragenen Vortrages lässt er einen gebauten kleinen Sarg in die Kirche, in der der Vortrag stattfindet, hineintragen und von Helfern übergroße Zigaretten hineinwerfen. Viele der begeisterten Zuhörer werfen ihre Zigaretten und Feuerzeuge ebenfalls in diesen kleinen Sarg, der nach dieser Veranstaltung nicht mehr benötigt wird und in einer Ecke der Garage unserer Familie deponiert wird.

Der Tag der Abreise kommt und eine glückliche Familie bricht in die Ferien auf. Das erste Ziel ist die größte Erhebung in Australien. Ein Berg, der das künftige Schicksal unserer Familie sehr bestimmt.

Es ist ein sonniger Tag, die Familienidylle wird gezeigt. Die Zuneigung der beiden Buben zu dem kleinen Schwesterchen und die liebevolle, vorsichtige Zartheit, mit der der Vater die Kleine in den Armen hält.

Es werden Fotos gemacht. Zu diesem Zeitpunkt werden schon vereinzelt die weißen Berghunde, die Dingos gezeigt. Einige der Urlauber machen sich einen Spaß daraus, die Dingos mit Fleischbrocken zu füttern.

Der Tag neigt sich dem Ende zu. Azaria, so der Name des kleinen Mädchens, wird von der Mutter gebadet und dann angekleidet. Ein kleines weißes Strampelhöschen und dann ein weißes gestricktes Jäckchen bekommt das kleine Wesen angezogen. Alles schön in Grossaufnahme dargestellt. Zu diesem Zeitpunkt ahnt noch keiner der Zuschauer (des Filmes), was ihn erwartet. Klein-Azaria denkt nicht daran zu schlafen, ihr gefällt es weit besser in Mutters Armen zu liegen. Ein wunderschöner Sonnenuntergang rundet das friedliche - noch friedliche - Bild ab.

Essenszeit! Der Vater steht am Grill und bereitet das Abendbrot vor, während die Mutter (Meryl Streep) die kleine, eingeschlafene Azaria ins Zelt, in ihr Babykörbchen legt. Der kleinere Sohn spielt mit der Mami noch Fangen zum Grillplatz zurück, und lustiges Geplauder liegt über dem Platz. Ein Dingo erscheint und verschwindet wieder erschreckt, aber niemand denkt sich was dabei.

Ein kleiner Laut ertönt, kaum wahrnehmbar.

"Liebling, Azaria hat geschrieen", sagt der Vater zur Mutter und auch der kleine Sohn meint: "Mami, Baby war das."

"Meint ihr? Sie hat fest geschlafen, als ich sie hinlegte."

Doch beunruhigt begibt sie sich zum Rande des Rastplatzes. Noch hat sie keine direkte Sicht zum Zelt, ein großer Strauch ist im Weg. Da, jetzt sieht sie es, eine Bewegung am Zelt, ein Dingo, sie schreit, fuchtelt mit den Armen, um ihn zu verscheuchen. Sieht, wie er heftig den Kopf schüttelt und dann mit etwas Weißem zwischen den Fängen in Richtung Gebüsch verschwindet. Eine schlimme Ahnung überkommt sie.

Sie rennt auf das Zelt zu, will ihre Befürchtung nicht glauben und beginnt zu schreien: "Der Dingo, der Dingo hat mein Baby!"

Im Zelt angekommen bewahrheitet sich ihre Befürchtung: Das Babykörbchen ist leer. Blut glänzt auf dem Boden, sie schreit es immer wieder heraus: "Mein Baby, der Dingo hat mein Baby!" Aus dem Zelt heraus, in Richtung Büsche laufen ist eine Sache von Sekunden, doch es ist zu dunkel, um etwas zu erkennen. Fieberhafte Bewegungen erfüllen nun den Schauplatz des Unglücks, Menschen rennen wie wild herum, einige rufen nach Lampen, andere fahren, um die Polizei zu holen, aber einige stellen auch schon sensationslüstern die ersten Fragen.

An dieser Stelle, ist der richtige Augenblick gekommen, die Genialität des Autors der Geschichte zu erwähnen. In jedem Krimi oder Abenteuerfilm wäre es für die Zuschauer unklar geblieben: Hat der Dingo das Kind geholt oder nicht? Aber dieser Autor und dieser Regisseur haben es so effektvoll dargestellt, dass jeder, der den Film sieht, weiß: Es war ein Dingo.

Nun beginnt die Tragik des Filmes, die Art der Handlung, die den Film aus den üblichen Filmen heraushebt.

Viele Helfer kommen zusammen, mit Fackeln wird nach dem Baby gesucht, verzweifelt sitzen die Eltern des Kindes am Rande des Rastplatzes, ängstlich den Lichterketten mit den Augen folgend, und hoffen immer noch, ihr Baby lebend zurückzubekommen. Doch Stunde um Stunde vergeht.

Nichts! Der Morgen beginnt zu grauen, noch immer sitzen die Eltern da, eng aneinander gelehnt, sich gegenseitig Kraft gebend. Sie wissen, spüren, dass keine Hoffnung mehr für ihr Töchterlein besteht.

Ein Hotelzimmer wird für die Eltern und die beiden Buben zur Verfügung gestellt. Die beiden Jungen schlafen, noch ahnen sie nicht, dass sie ihr Schwesterchen nie wieder sehen werden. Die Mutter liegt da, sie friert. Nicht weil es kalt es, sondern weil die innere Kälte sie zu erfrieren droht. Ihr Mann ist der Stärkere, Ruhigere, gibt ihr Kraft.

Nach ein paar Tagen, nachdem wirklich keine Hoffnung mehr besteht, reisen sie wieder heim, traurig und verzweifelt packen sie alles ein.

Eine glückliche Familie waren sie bei der Abfahrt, eine geschlagene Familie, von tiefem Leid getroffen, kehrte heim.


Die Presse tat nun ihr möglichstes, unter vielen Vorwänden, aber im Grunde nur aus Profitgier, jeder für sich den besten Bericht von den Eltern zu erhalten. Sie schafften es, das ganze Land in Mitleid versinken zu lassen. Unsere Familie war bald allen im Land bekannt. Doch dann kam der Tag der Wende.

Einer unglaublichen Wende.

Einige Leute fanden den Strampelanzug der kleinen Azaria. Er war zugeknöpft und am Hals fanden sich deutliche Blutspuren. Die ersten wilden Vermutungen wurden ausgesprochen, erst leise, dann hinter der vorgehaltenen Hand und dann immer lauter werdend offen ausgesprochen. Ein Dingo? Lachhaft! Warum soll ein Dingo ein Baby rauben?

Was niemand der Zuschauer für möglich gehalten hat, tritt ein. Es wird Anklage erhoben. Nicht gegen den Dingo, nein - gegen die Eltern.

Was nun über den Bildschirm flimmert - nachweislich ein authentischer Fall - wird blutiger Ernst.

Wieder und wieder müssen die Eltern die schlimmsten Stunden ihres Lebens erzählen. Müssen wieder und wieder den blutbefleckten Strampler ihres Kindes sehen.

Um diesen Bericht ein wenig abzukürzen, obwohl alles in mir rebelliert, sei gesagt, dass in diesem Fall die Eltern des Kindes von der Anklage freigesprochen werden. Doch nur, bis der Fall eine dramatische Wende nimmt.

Erst sind es die Reporter, die laufend um die genervten Familienmitglieder herum sind. Reporter, die zwar zuhören, aber dann die Dinge so schreiben, wie sie die Auflage der Zeitschriften erhöhen. Tatsachen werden verzerrt. Die Bereitschaft der Mutter, mit den Reportern zu sprechen, um andere Mütter vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren, wird ihr plötzlich als Sensationsgier ausgelegt.

Zwei Jahre sind fast seit dem Unglück vergangen. Die Mutter schließt ihren Schmerz tief in sich ein, denn sie spürt erschreckend, dass ihren Mann die Kraft verlässt. Ihn, den Pastor, lässt sein Glaube zweifeln. Warum, fragt er sich immer wieder und findet keine Antwort.

Um ihn zu stärken und um der drohenden Gefahr der Anklage zu trotzen, ringt die Mutter sich zu einer Entscheidung durch. Sie will der Welt und den Menschen zeigen, dass sie eine Familie sind. Eine Familie, die sich auch durch ein Unglück nicht zerbrechen lässt. Sie gibt ihrem Mann Kraft und sich selbst - und wird schwanger.

Die konstruierten Beweise werden den Zuschauern deutlich nahe gebracht. Bei einer Hausdurchsuchung wird der Sarg gefunden und in den Medien breitgetreten. Die Scheren werden beschlagnahmt, die Kameratasche - auch wenn es nicht die war, die beim Urlaub dabei war. Das Auto der Familie wird untersucht.

Da, was haben wir denn da? Spritzer! Natürlich können das nur Blutspritzer sein. Passt ja wunderbar zu einer delikaten Story.

Die Schwangerschaft schreitet voran. Sie wird stärker, vom Wesen - aber nur nach außen hin. Innerlich zittert sie, verzweifelt sie. Sie muss stark sein, muss ihrem Mann die nötige Kraft geben. Ihm, der von Tag zu Tag fahriger, nervöser wird.

Sie wird unförmiger und schwerfälliger. Ängste plagen sie. Die ersten Verhandlungstage beginnen.

Die Geschworenen sitzen da, wissen noch nicht, was sie erwartet. Sind sich vielleicht nicht einmal klar darüber, dass sie über das Leben einer leidgeprüften Mutter, werdenden Mutter zu entscheiden haben.

Der Staatsanwalt, bedächtig verliest er die Anklage. Keine Miene verzieht sich in seinem Gesicht. Er klagt sie an, die Mutter, ihr kleines Töchterchen im Auto enthauptet zu haben - ein kleines, neun Wochen altes, Baby - kaltblütig ermordet zu haben und dann in eine Kameratasche gepackt zu haben, um sie dann hinterher irgendwo zu verscharren oder auf eine andere Art und Weise verschwinden zu lassen.

Die ersten Buhrufe werden laut. Sie, die Mutter, verzieht nicht ihr Gesicht, auch wenn es nur ihr selber dient, um nicht in Tränen auszubrechen, die lieben Mitbürger legen es lieber mit Kaltblütigkeit aus.

Die Verhandlung schreitet voran. Eines Morgens findet die Mutter einen Korb vor ihrer Tür, in ihm eine Puppe mit abgeschlagenem Kopf.

Sie beginnt langsam daran zu zweifeln, dass die Gerechtigkeit siegen wird. Sie weiß, und alle Filmzuschauer wissen, dass sie unschuldig ist. Aber nur auf die Geschworenen kommt es an. Quälende Tage brechen für die Eltern herein, die nicht einmal mehr die Stärke haben, sich gegenseitig Kraft zu spenden. Bilder voller Grausamkeit müssen sie sich ansehen. Ein Hundegebiss wird gezeigt, in ihm ein Puppenkopf:

"Glauben sie, so hat der Dingo ihr Kind gepackt?"

Welche Gefühle müssen der Mutter durch den Kopf gegangen sein...Ein Film wird gezeigt. In einen Zwinger, in dem sich ein Dingo befindet, wird ein Strampelanzug, zugeknöpft geworfen. In ihm steckt ein kleines Lamm. Die Eltern, die Geschworenen und alle Zuschauer müssen mitansehen, wie der Dingo das Lamm aus dem Strampler herausholt und es tötet. Er hat den Strampler nicht geöffnet. Er hat das Lamm so herausbekommen.

Ein Vorteil für die Mutter? Eine Entlastung?

Ja! Doch was ist das? Da tritt ein sogenannter Gutachter auf. Man hat ja schon lange nichts mehr von ihm in den Zeitungen gelesen. Also ordert er den Strampler zur wissenschaftlichen Untersuchung und stellt die These auf: Am Strampler seien keine Speichelspuren zu entdecken.

Also doch? Oder vielleicht doch nicht?

Auf die Frage nach der Art der Blutspuren am Strampler antwortet er mit der Erklärung: "Viel Blut am Halsausschnitt, das deutet auf einen schnellen Schnitt, wie bei einer Enthauptung hin."

Entsetzen schüttelt alle. Die Spritzer im Auto. Wissenschaftliche Ausdrücke schwirren durch den Gerichtssaal, kaum einer versteht es, am allerwenigsten die Geschworenen, aber es klingt zumindest wissenschaftlich, und so, dass der Name in der Zeitung erscheint, groß und dick. Was spielt es für eine Rolle, ob es nun Blut oder eine andere Ablagerung war? Vielleicht von Lösungsmitteln oder so. Man wurde ja bekannt.

Die Entscheidung rückt näher. Der Vater muss in den Zeugenstand. Er versagt, er hat nicht die innere Stärke seiner Frau. Auf die Frage, ob seine Frau ihm irgendwann erzählt hat, sie sei sich nicht sicher, daß der Dingo das Baby geholt hat, kann er nicht antworten, verheddert sich, lässt sich vom Staatsanwalt total verwirren und wird zum Stolperstein für seine Frau. Man sieht ihm förmlich an, das er nicht mehr weiß, was er glauben soll und was nicht.

Die Stunde der Entscheidung. Die Befragung der Mutter. Zum was weiß ich wievielten Male muss sie den Abend schildern. Die Bilder, diese entsetzlichen Augenblicke wieder und wieder in Gedanken durchleben.

"Warum schüttelte der Dingo den Kopf, als er das Zelt verließ? Um dem Baby das Genick zu brechen?"

Wieder einmal den Strampler mit den deutlichen Blutflecken ansehen. Aber dann - die entscheidende Frage: Wo ist das Strickjäckchen? Es war nicht da.

Nun war es so weit. Wenn kein Strickjäckchen da war, wo ist es denn dann? Vielleicht war da ja doch kein Jäckchen und ja, wenn da kein Jäckchen war, hat sie ja vielleicht gelogen und ja, wenn sie da gelogen hat, vielleicht hat sie dann ja doch oder vielleicht doch nicht...?

Die Stimmung ist bis aufs Äußerste gespannt.

Der Richter hat das Wort. Seinen Ausführungen kann man entnehmen, dass er sich sehr wohl der Tiefe des Falles bewusst ist. Er spricht für die Angeklagte, zerstört die laschen Aussagen der sogenannten Gutachter und gibt der Angeklagten ein bisschen Hoffnung.

Aber nicht genug. Wartend, auf das Ergebnis der Unterredung der Geschworenen, bittet sie ihren Mann um die Scheidung.

Sie will, dass er frei ist, wenn sie verurteilt wird. Sie will, dass er eine neue Mutter für die Kinder findet. Er weint, lässt sich fallen und will nichts hören und nichts sehen.

Dann kommt der Augenblick der Entscheidung.

Die Geschworenen betreten den Saal, verlesen das Ergebnis ihrer Beratung:

S C H U L D I G

Der Richter, machtlos gegen diesen Spruch, hat nur eine Möglichkeit, das Urteil zu sprechen: Lebenslange Zwangsarbeit.

Einige Zeit später kommt im Gefängnis der Tag der Niederkunft. Sie bekommt, während ihr Mann ihr beisteht, ihr Baby. Ein Mädchen!

Sie darf es nicht behalten, nur für eine Stunde, dann nimmt der Vater es mit nach Hause, zu den Buben.

Die Jahre vergehen, die Kinder wachsen. Ab und zu fährt der Vater mit den Kindern zum Zaun des Gefängnisses, damit die Kinder ihre Mutter von weitem sehen.

Jahre sind vergangen. Jahre, die sie unschuldig hinter Gefängnismauern saß. Jahre, die sie unschuldig von ihren Kindern getrennt war. Da kommt ein neuer Gouverneur. Ob es Zufall ist oder nicht, ob es wahr ist oder ob es wirklich so eine Überschneidung der Ereignisse war, bleibt immer ein Geheimnis des Autors. Während der Gouverneur die Begnadigung ausspricht, wird ein abgestürzter Bergsteiger geborgen. Er war vom Felsen gestürzt. Von diesem großen Felsen - der vor Jahren das Ziel einer unglückseligen Reise war. In seiner Nähe, wenige Meter von dem Toten entfernt, wird ein kleines schmutziges, ehemals weißes Strickjäckchen gefunden. Die Zeit der Dunkelheit war zu Ende.

Alle Welt jubelte wieder. Auch die, die voller Hass und Wut der Mutter gegenübergestanden hatten.

Die Familie war wieder vereint.

Doch ich als Zuschauer blieb voller Tränen zurück. Der Film, dieser Schrei in der Dunkelheit hat mich tief bewegt. Ich glaube, dass es zu viele Menschen gibt, die nur nach dem Schein urteilen oder der Presse bedenkenlos glauben. Dieser Film ist es wert, gesehen zu werden. Er macht nachdenklich und bringt einen dazu, mal nicht nur an sich, sondern auch über sich und die Menschheit nachzudenken.

© 1990 Tarot