Königin der Stäbe

Ein ganz normaler Samstag

von Tarot
Königin der Stäbe
 

Seufzend lehne ich mich auf meinem Bürostuhl zurück und dehne die schmerzenden Glieder. Nun war es doch wieder später geworden als geplant. Mein Blick wanderte zur Uhr, schon 21.50 Uhr.

Energisch klappte ich den Ordner zu, in dem ich gerade nach verschiedenen Unterlagen gesucht hatte und stellte ihn ins Regal zurück.

Gut, daß morgen Samstag ist, dann muss ich nicht ins Büro runter, sondern kann mich in Ruhe um all die Dinge kümmern, für die ich unter der Woche nie so richtig Zeit habe: die Kinder, den Wellensittich, meine Blumen und die Autos, ach ja, und einkaufen muss ich noch fürs Wochenende. Ja, und abends kann ich dann im Computerkurs weiterlernen.

Ach ja, diese Wochenenden, ich brauche sie einfach. Während ich die Treppe hochtapse, höre ich meinen Magen energisch knurren. Den ganzen Tag über war derart viel Hektik, dass ich nicht mal in Ruhe etwas essen konnte. Also marschierte ich geradewegs in die Küche, um den Kühlschrank zu inspizieren. Eigentlich könnte ich ja jetzt so eine warme Suppe vertragen, aber um die zuzubereiten, dafür bin ich viel zu müde. Während ich also nach einer Scheibe Käse greife, wandern meine Gedanken schon durch den Kühlschrank und überlegen, womit dieser morgen unbedingt aufgefüllt werden muss. Bei einer heißen Tasse Tee und einem Butterbrot mit Käse entspanne ich mich ein wenig von dem Stress der Woche. Erst jetzt fällt mir auf, in welchem Zustand die Küche mal wieder ist. Na wartet, meine beiden Grossen, habt euch mal wieder darum herumgedrückt, die Küche aufzuräumen, hatte wieder keiner Küchendienst. Ach was soll's, morgen ist Samstag. Da habe ich viel Zeit, für die Kinder, die Küche, die Tiere.

Im Wohnzimmer läuft wie jeden Abend der Fernseher und mein Mann sitzt gemütlich davor. Neben sich seine Flasche Bier und die Fernsehzeitung in greifbarer Nähe.

"Ich gehe schon schlafen, ich bin fix und fertig, aber morgen ist Samstag, da können wir etwas länger schlafen."

Die Kinder schlafen schon. Britta, meine Jüngste, liegt mal wieder verkehrt herum in ihrem Bett. In diesem wimmelt es auch wieder vor Stofftieren aller Art. Ich decke sie vorsichtig zu, um sie nur nicht aufzuwecken. Gaby, meine Mittlere, kämpft im Schlaf mit ihrem Zudeck. Da passiert es, ich stolpere über einen achtlos liegengelassen Rollschuh und stoße mir mein Knie an der Türkante. Jetzt kann mich jedoch nichts mehr erschüttern, denn morgen ist ja Samstag. Noch schnell einen Blick ins Zimmer meiner Ältesten. Ach ja, ich hätte es mir denken können, Silvia schläft und der Fernseher läuft.

Ohne auch nur einmal aufzuwachen schlafe ich die ganze Nacht durch.

Wie jeden Morgen weckt der Wecker mich um sieben. Hach, macht das Spaß ihn auszustellen, sich umzudrehen und zu denken: heute ist Samstag, da kannst Du noch gut eine Stunde schlafen.

Gegen halb neun ist der Kaffeetisch gedeckt, die warmen Brötchen geholt und der Kaffee steht bereit. Ganz in Ruhe frühstücken wir alle zusammen. Dies ist unter der Woche gar nicht möglich. Die Zeitung wird überflogen und Pläne für den Tag gemacht.

"Ich gehe jetzt einkaufen, ihr räumt mir den Frühstückstisch ab, zieht euch an und fangt schon mal an, eure Zimmer aufzuräumen." Ein dreistimmiges Murren bekomme ich als einzigste Antwort.

Als ich zwei Stunden später wiederkomme, muss ich erst dreimal hupen, bis einer meiner Bande kommt, um mir beim Ausladen zu helfen. Nachdem alles in der nicht aufgeräumten Küche verstaut ist, überlege ich, ob ich erst aufräumen soll, oder erst mit dem Mittagessen anfangen soll.

Ich entscheide mich für's Aufräumen. Musik angemacht und im Schlafzimmer das Fenster auf. Jetzt erst mal ans Schlachtfeld Kinderzimmer. Nachdem ich zwei Arme voll Wäsche eingesammelt habe, kann man schon wieder erkennen, welche Farbe der Teppich im Kinderzimmer hat. Die Betten weggeräumt und den Rest müssen sie selber machen, nehme ich mir zum hundersten Mal vor. Der Vogel - oh nein, das Schlafzimmerfenster ist offen. Wo ist er denn nur. Robbi, flöt, flöt, flöt. Keine Antwort! Hoffentlich ist er nicht weggeflogen. Piep, höre ich hinter mir, drehe mich um und - sehe ihn nicht. Ach, Gott sei Dank. Auf dem Fußboden hockt er und blickt mal wieder sein Spiegelbild in dem großen Türspiegel des Schlafzimmerschrankes an.

So, nun in die Küche, gut, daß es heute Erbseneintopf gibt. Der ist schnell fertig und in der Zwischenzeit kann ich die Küche wieder auf Vordermann bringen. Wo nur die Kinder wieder stecken? So wie ich sie kenne, sind sie wieder draußen, nur die Kleinste wird wieder vor dem Fernseher hocken und Walt Disney ansehen. Richtig, da sitzt sie, eingekuschelt in eine Decke und vier oder fünf Stofftiere.

"Wo ist denn der Papa?" frage ich Britta und sie sagt: "Pssssssssscht!"

Bimbimbam - die beiden anderen schellen Sturm. "Ich hab Euch doch schon so oft gesagt, ihr sollt nicht Sturm schellen. Habt ihr den Papi gesehen?"

"Er sitzt im Büro, aber geh besser nicht runter."

"Wieso denn das nicht?"

"Der Briefträger war vorhin da, und danach hat der Papi alles so Wörter gesagt, die wir nie sagen dürfen."

"So, na, ich werde mal sehen. Deckt schon mal den Tisch, aber wascht euch vorher die Hände."

"Haben wir doch schon gemacht."

"So? Wann denn?"

"Heute morgen, sofort nach dem Aufstehen."

"Ihr Schwindelbarone, ab mit euch ins Bad."

"Mami, was gibt es denn zu essen?" fragt Britta und meint, als sie hört, dass es Eintopf gibt: "Will aber kein Eintopf, will Dreitopf."

Ich gehe nach unten, obwohl ich heute nicht ins Büro wollte.

"Was gibt es denn, Joachim?" Er sitzt am Schreibtisch, um sich herum die aufgerissene Post und starrt auf einen bestimmten Brief.

"Das Finanzamt. Diese Halsabschneider. Über 6000 DM Einkommenssteuernachzahlung müssen wir blechen. Diese, diese reinsten Verbrecher. Ich kann doch kein Geld drucken."

Kurze Zeit später sitzen wir alle um den Tisch herum. "Wer hilft mir denn gleich, den Robbi sauberzumachen?" Keine Antwort. Nun gut, heute ist ja Samstag, denke ich. "Gut, dann geht nach draußen spielen, nehmt den Ball mit runter."

"Lieber nicht!" tönt es mir aus drei Kinderstimmen entgegen.

"Aber warum denn nicht?"

"Hmmm, haben wir gestern erst gespielt." meint Silvi und fängt sich einen Stoss mit dem Ellenbogen von Gaby ein. "Dann spielt ihr es eben heute noch mal", meine ich, schon stutzig geworden.

"Mami, das kann aber teuer werden", meint Gaby und Britta kräht dazwischen: "Macht nichts, wenn Papi jetzt Geld drucken kann."

"Moment mal, was ist hier los?"

"Weißt Du es noch nicht?" ertönt es im Chor. "Die Scheibe vom kleinen Zimmer ist entzweigegangen, aber Frau Walter hat den Rolladen runtergelassen, dann regnet es nicht rein."

"Du meine Güte, das muss ich mir erst einmal ansehen."

Die Scheibe ist hin, da muss ich erst mal den Glaser bestellen, aber das geht erst wieder am Montag. Also stelle ich erst mal die Waschmaschine an und mache den Vogelkäfig sauber. Plötzlich ein lautes Schreien von unten: "Mami, Mami komm schnell ganz schnell."

Ich hetzte nach unten und sehe die Schweinerei.
Ganz ruhig bleiben, sage ich mir und schnappe mir den erstbesten Lappen der mir unterkommt. "Gaby, was ist passiert?"

Unter Schluchzen erzählt sie, daß sie eine Dose Lackspray (silber-metalllic) aufmachen wollte. Als sie den Deckel endlich abgekriegt hätte, ist ihr die Dose runtergefallen und genau auf den Sprühknopf. Unter Heulen und Schluchzen versucht sie mir klarzumachen, dass sie sich die Dose geschnappt hätte, um sie schnell aus dem Büro zu kriegen. Während die Dose sprühte, rannte sie zur Bürotür, doch die war abgeschlossen, da kam sie nicht heraus und die blöde Dose sprühte immer noch.

Also flitzte sie zum Bürofenster - es war noch aus weißem Kunststoff...als sie es endlich aufhatte und die Dose rausgeworfen hatte, war das Fenster nicht mehr unbedingt weiß...sondern glimmerte und glitzte - genauso wie die Scheibe - die Fensterbank - der Schreibtisch und der Fußboden.

Ich brauchte gut zwei Stunden, bis ich die meisten Spuren beseitigt hatte. Kaum war ich damit fertig, läutete das Telefon. Eine mir unbekannte Stimme fragte, ob wir eine Tochter hätten, die Silvia hieße, und, nachdem ich dies bejahte, ob sie mit einem Schäferhund unterwegs wäre. Auch dieses bejahte ich. "Ja, dann muss ich ihnen leider sagen, dass ihr Hund meinen Hund gebissen hat."

"Ist ihm denn was passiert?"

"Ich weiß nicht, er humpelt so."

"Ich würde vorschlagen, da sie ja unsere Telefonnummer haben, bis morgen zu warten und wenn dann noch etwas ist, mit dem Hund zum Tierarzt zu gehen. Wir haben eine Tierhalterhaftpflichtversicherung oder wie das heißt, die kommt für den Schaden auf."

Jetzt brauchte ich erst mal einen Kaffee. Ach Du meine Güte, was war denn jetzt los? Die Küche sah aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Bevor ich ins Büro runter ging, um den Hilfeschreien von Gaby nachzugehen, war sie doch tiptop in Ordnung und jetzt? Mitten in dem Chaos saß Britta, mit weißem Schnütchen - hielt mir eine Plastikschüssel entgegen und fragte:
"Mami, guck, mal, ich hab Popcorn gemacht, willst Du auch?"

Diesmal blieb ich hart - und mein Fräuleinchen musste mithelfen, die Küche wieder aufzuräumen. Es gingen zwar ein Teller und ein Glas zu Bruch, aber ich hielt durch.

"So Britta fertig, jetzt noch die Blumen gießen und dann...."

"Blumen gießen brauchst Du nicht, hab ich schon gemacht."

"Du, wann denn?"

" Vorhin."

Von einer bösen Ahnung angetrieben ging ich ins Wohnzimmer. Oh nein, patschnass die eine und runtergefallen die andere Blume. Was jetzt? Also Blumenerde aus dem Keller geholt und die Blumen neu eingepflanzt.

"Gehen wir heute essen?" fragt mich meine bessere Hälfte und schaut mir gelassen beim Bügeln zu.

"Ach bitte, heute abend nicht, ich wollte doch noch etwas im Computerkurs tun und vorher wollte ich noch den kleinen Wagen waschen."

"Ach Du, Du hast immer Zeit für die Kinder, Deine Musik, den Computer und wann komm ich?"

"Danach, mein Schatz, alles gleichzeitig schaffe ich nicht. Aber wir können nach dem Abendessen noch alle zusammen etwas spielen."

Nach dem Abendessen, welches erstaunlich friedlich verlief, wieder ein gewohntes Bild, der Tisch leergefuttert und vollgepackt - ich davor und meine Familie - im Wohnzimmer um den Fernseher versammelt.

Gegen 21 Uhr muss ich energisch werden. "Kinder, ab ins Bett, es ist schon nach neun, Zeit zum schlafen gehen."

"Ach Mami, es ist doch Samstag. Morgen können wir doch ausschlafen, nur noch 5 Minuten."

Es dauert doch noch bis fast zehn, bis alle im Bett verschwunden sind.

Ich sitze auf der Couch, die Füße hochgezogen, und schaue auf die Mappe des Computerkurses, nein, denke ich, heute nicht, vielleicht morgen, da ist ja Sonntag. Später, der Mond schaut durchs Fenster, liege ich ziemlich geschafft im Bett und habe Mühe einzuschlafen. Der Tag zieht an meinem Auge vorbei. Gut, daß morgen Sonntag ist, denke ich, falle in einen traumlosen Schlummer, der gegen vier Uhr in der Früh durch ein dünnes Stimmchen gestört wird:
"Mami - Mami, darf ich in Dein Bett?"

"Ach Britta, Du hast doch selber ein Bett. Geh schlafen, Mami ist müde."

"Kann nicht schlafen gehen."

"Warum denn nicht?"

"Bei mir im Zimmer ist ein Elefant."

"Ach Quatsch, da ist doch kein Elefant, ich sehe keinen."

"Kannst auch nicht, ist schon weg."

"Ja, dann kannste doch auch wieder schlafen gehen."

"Nein, geht nicht."

"Ja, warum denn nicht?""

"Der Elefant hat Plätzchen gegessen, und die haben gekrümelt, und jetzt sind die ganzen Krümel in meinem Bett. Darf ich jetzt in Deinem Bett schlafen?"

Nun - gegen diese kindliche Logik konnte ich mich nicht mehr wehren und rückte einfach zur Seite, woraufhin Britta wie der Blitz unter meiner Decke verschwand.

Gut, daß morgen Sonntag ist, denke ich noch, bevor mich der Schlaf wieder in seine Arme nimmt...

© 1991 Tarot