Scheiben 3

Rückblick

von Tarot
Scheiben 3
 

Im Computerraum der Münchner Rehabilitationsklinik für Jugendliche herrschte wie immer Samstagnachmittags ein quirliges Treiben. Seit gut zwei Jahren ging das nun schon so. Sobald die Uhren auf die 15.00 Uhr zugingen, waren die Kids kaum noch zu bändigen. Waren sie sonst eigentlich mehr traurig oder schon zu erwachsen, so schienen sie Samstagnachmittags wie verwandelt.

Acht Kinder, Jungen und Mädchen, warteten hier auf Roland. Die Jungen und Mädchen waren zwischen 15 und 19 Jahre alt. So unterschiedlich sie in ihrem Wesen waren, eines hatten sie alle gemeinsam: sie saßen alle in einem Rollstuhl.

Im Raum waren 4 Computertische aufgebaut und auf allen standen PC's mit Monitor und Tastatur. Jeweils an zwei Rechnern war ein Drucker angeschlossen.

"Hallo Leute", rief der junge Mann, der soeben den Raum betrat, den Kindern zu.

"Hallo Roland", ertönte es im Chor zurück. Die Kinder rollten in ihren Rollstühlen zu den Rechnern hin, und wie von selbst fanden sie sich in den Zweiergruppen, die sie seit einigen Wochen bildeten.

"So, nun ist es soweit. Ich habe für jede Gruppe eine kleine Aufgabe vorbereitet, die ihr selbständig lösen sollt, und auch könnt, davon bin ich überzeugt, denn ihr seid einfach Spitze. Wenn ich bedenke, daß ihr gerademal 3 Monate mit den Computern arbeitet...ich muß euch echt sagen: Alle Achtung! Ich bin stolz auf euch! Ihr habt heute die Gelegenheit, euch eine Lösungsmöglichkeit zu überlegen und morgen werde ich zu euch rüberkommen, denn dann werden wir die Möglichkeit haben, die Programme einzutippen. Tja, und dann...werden wir eure ersten eigenen Computerprogramme testen. Einverstanden?"

"Tja, aber Du kommst doch sonst Sonntags nicht, wieso denn dann morgen?" fragte Silvi, die kleine Dunkelhaarige. Sie war gerade 18 Jahre alt und litt sehr unter ihrem Schicksal. Sie war vor einem halben Jahr bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt worden. Ein Autofahrer hatte das lebenslustige Mädchen auf seinem Fahrrad angefahren. Silvi war durch die Luft gewirbelt worden und mit der Wirbelsäule auf einer Bordsteinkante aufgeschlagen. Es bestand kaum Hoffnung, daß sie jemals wieder laufen könnte.

"Silvi, Du hast recht, aber ich bin genauso gespannt auf eure Lösungen wie ihr jetzt auf die Aufgaben. Deshalb habe ich die Genehmigung bekommen, morgen auch mit euch in den Computerraum zu können."

"Frank und Uli, hier habt ihr eure Aufgabe. Silvi und Gisela, hier ist euer Blatt. Anna-Lena und Patrick, ihr schaut euch dieses Blatt schon einmal an und meine beiden Freaks, für euch habe ich mir etwas besonders Kniffliges ausgedacht."

Acht Köpfe beugten sich über die Blätter. Roland hatte sich viel Mühe gegeben und für jede Gruppe eine Aufgabe erstellt, die dem jeweiligen Können entsprach. Er wußte genau, diese Kids brauchten den Ansporn, aber auch die Anforderung. Sie mußten lernen zu kämpfen. Er versuchte sich vorzustellen, was in ihnen vorgehen mußte, aber er konnte es nur erahnen.

Insgeheim bewunderte er diese durch ihr Schicksal gereiften jungen Menschen, daß sie alle es geschafft hatten, zu sich selbst zu finden, und wieder zu beginnen, ein eigenes Leben zu leben. Alle hatten sich nach den verschiedenen Unfällen völlig vom Leben abgewandt. Worte wie: "Es hat ja keinen Sinn mehr" oder "Wofür lebe ich denn noch?" gehörten zu ihren Standardsprüchen. Und Roland konnte diese Kids nur zu gut verstehen.

"Ihr habt nun insgesamt 3 Stunden Zeit, also eine Stunde mehr als sonst. Ich werde von Gruppe zu Gruppe gehen und eure Fragen beantworten. Ihr könnt euch auch untereinander fragen, denn jede Gruppe von euch hat eine andere Aufgabe. Morgen, wenn wir die Programme testen, können wir dann jedes Programm ausführlich besprechen. Tja, und dann habe ich da noch eine Überraschung für euch. Ihr wißt alle, daß damit euer Lehrgang abgeschlossen ist. In 14 Tagen bekomme ich acht neue Kinder dieser Klinik, für den nächsten Kurs. Aber ich habe vom Chefarzt die Genehmigung bekommen, daß wir am Samstag alle zusammen in den Englischen Garten dürfen. Das Klinikmobil fährt uns hin und holt uns auch hinterher wieder ab. Wir werden es als eine Art Abschiedsausflug organisieren. Okay?"

"Ach, Mensch", maulte Hans-Joachim, "werden wir nie wieder mit Dir am Computer arbeiten können? Es hat uns sehr viel bedeutet, daß Du mit uns gearbeitet hast. Besteht keine Möglichkeit, daß wir weiter mit Dir hier arbeiten können?"

"Ich würde gern, aber ich denke, es wäre nicht fair den Kindern gegenüber, die nun auf die Aufnahme in diesen Kurs warten. Aber ich verspreche Euch: Ich werde für Euch dasein, wenn ihr Fragen habt, oder ein Programmierproblem. Ihr könnt mich Samstags fragen. Und ich verrate Euch noch etwas. Am nächsten Samstag werdet Ihr alle meine private Telefonnummer bekommen und wenn ihr dann entlassen werdet, dann telefoniert mit mir und wir werden uns dann treffen. Ich werde Euch dann besuchen, bei Euch zu Hause. Und wenn Ihr wollt, werde ich noch mit Euren Eltern reden, damit Ihr für zu Hause Euren eigenen Computer bekommt. Einverstanden?"

"Einverstanden", sagte Silvi, "aber Du hast uns einmal gesagt, wenn hier der Kurs vorbei ist, würdest Du uns erzählen, warum Du hier bist und mit uns arbeitest. Du hast es versprochen."

"Ich weiß, und ich habe es nicht vergessen. Ich werde mein Versprechen einlösen. Am Samstag im Englischen Garten, es ist versprochen!"

Nun erst gaben sich alle zufrieden und ein eifriges Getuschel setzte ein, als sich die Gruppen mit ihren Aufgaben beschäftigten. Schon nach kurzer Zeit wurden die ersten Programmumrisse sichtbar und die ersten Lösungswege zeichneten sich ab. Während Roland von Gruppe zu Gruppe ging, fühlte er etwas wie Stolz in sich. Er hatte etwas Gutes getan. Er hatte diesen Kids ihr Selbstbewußtsein auf eine Art wiedergegeben, auf die er stolz sein konnte.

Am Sonntagnachmittag war es dann soweit: alle Gruppen hatten ihre Aufgabe bewältigt und alle 4 Programme liefen, nachdem mit vereinten Kräften einige kleine Probleme gemeinsam gelöst worden waren.

Am Samstagnachmittag darauf stand das Klinikmobil vor der Tür, und die Jungen und Mädchen warteten schon voller Ungeduld darauf, daß Roland endlich kommen würde. Aber wie immer war er pünktlich da und begrüßte seine Schützlinge. Auf ging die Fahrt und allgemeine Aufregung machte sich breit, denn für alle acht war es das erste Mal seit den verhängnisvollen Unfällen, daß sie das Krankenhaus- wenn auch nur für Stunden - verlassen durften. Roland sah seine Schutzbefohlenen verstohlen an und stellte fest, daß in allen Augen die bange Frage zu lesen war: Schaffe ich es?

In diesem Augenblick spürte er ganz deutlich: Er hatte sich richtig entschieden, damals vor vier Jahren. Er sah alles wieder ganz deutlich vor sich und er wußte, es würde ihm guttun, das erste Mal darüber zu reden.

Es war ein wunderschöner Tag, als er mit seinen Schutzbefohlenen durch den Englischen Garten fuhr. Einige Leute schauten zwar merkwürdig, weil er, ein junger Mann mit acht jungen Menschen im Rollstuhl um sich herum, durch den Garten spazierte. Was mußten diese Menschen wohl denken? Er reckte sich noch ein bißchen höher und spürte es wieder: Er hatte richtig gehandelt.

"Kommt, laßt uns dort unter den großen Baum fahren. Dort ist eine Bank, da kann ich mich setzen und für euch ist auch alle Platz. Hey, ihr habt es besser als ich. Ihr habt alle eure Bank schon dabei und müßt euch keine suchen."

Mit festem Blick schaute er sie an, alle acht, wie sie um ihn herumsaßen. Er wußte, daß es schwer war, diese Worte zu hören, aber sie mußten lernen, mit solchen Situationen fertig zu werden. Mußten spüren, daß sie ihr Schicksal meistern mußten.

Er nahm aus der Kühltasche, die er mitgenommen hatte, für jeden ein kühles Getränk, verteilte diese und lehnte sich auf der Bank zurück.

"Ich habe euch einmal gesagt, ich würde Euch erzählen, warum ich diesen Auftrag der Klinik übernommen habe. Ich muß gestehen, es fällt mir nicht leicht, darüber zu reden. Denn ich habe bisher mit niemandem darüber geredet. Aber ihr steht mir näher als die anderen Gruppen, die ich bisher in der Klinik unterrichtet habe. Ich weiß nicht, wieso es so ist. Ich fühle es einfach so. Also bitte, unterbrecht mich nicht und hört mir einfach zu:
Ich war damals gerade 21. Ich wohnte allein in München. Meine erste Freundin, die ich je hatte, wohnte viele hundert Kilometer von mir entfernt. Ich sah sie nur sehr selten und fühlte mich deshalb ziemlich allein. Seit einiger Zeit arbeitete ich in einem Computershop. Die Arbeit machte mir Spaß. Tagsüber war auch alles in Ordnung, aber abends war ich fast immer allein. Ich hatte zwar ein paar Freunde und alte Studienkollegen, aber fast alle hatten eine Freundin oder gar eine Familie. Ich fühlte mich sehr einsam. So kam es, daß ich mich ziemlich heftig in ein Mädchen verliebte. Vergessen war die Freundin, die so weit weg wohnte, vergessen war die Einsamkeit. Das Leben schien plötzlich in den buntesten Farben zu leuchten. Ich konnte nicht mehr verstehen, wie ich vorher gelebt hatte, bevor ich Janina kennengelernt hatte. Es bedrückte mich zwar ein wenig, daß ich meine so weit weg wohnende Freundin gefühlsmäßig verletzte, als ich ihr von meiner Verliebtheit erzählte. Aber die Gefühle für Janina wischten alles beiseite. Es folgten fünf wunderschöne Wochen, bis sie an einem Tag vor mir stand und sagte: "Es war ein Irrtum, Roland. Ich habe mich in Dirk verliebt. Es tut mir leid. Aber glaub mir, ich wollte Dir nicht weh tun. Ich werde morgen kommen und meine Sachen bei Dir abholen. Könnten wir nicht Freunde bleiben?" Sie kam wirklich am folgenden Abend, mit meinem besten Freund Dirk, und holte ihre Sachen.

Ich war wieder allein. Mein ganzes Selbstbewußtsein war mit einem Male wie weggeblasen. Ich fühlte mich leer und ausgebrannt. Ich fühlte mich nutzlos. Was hatte das Leben noch für einen Sinn für mich? Nur arbeiten - essen - schlafen - allein sein? Tagelang ertrank ich fast in Selbstmitleid. Ich begann nach einem Ausweg aus dieser Situation zu suchen. Bald glaubte ich einen Weg gefunden zu haben. Ich hatte in einer Zeitung von den Turmspringern gelesen. Es handelte sich um junge, mutige Menschen, die aus 70 Meter Höhe von einem Turm springen. Sie sind mit einem Seil gesichert. Doch dieses Seil ist aus Gummi und es federt stark nach. Die Länge des Seiles muß genau berechnet werden. Denn der Triumph ist am größten, wenn die Länge des Seiles so berechnet ist, daß der Springer so knapp wie möglich über der Erdoberfläche abgefangen wird. Dieser Artikel grub sich fest in meinen Kopf ein. Ich wurde neugierig. Immer häufiger dachte ich an diese gefährliche Sportart. Doch ich wollte mir nicht eingestehen, daß sie gefährlich war. Als dann eines Tages auch noch in einer Radiosendung über diese neue Sportart im Lokalfunk gesendet wurde, war ich nicht mehr zu halten. Ich rief die Münchner Gruppe an und erfuhr, daß zwei Tage später das nächste Treffen ausgetragen wurde. Gäste und Anfänger wären herzlich willkommen. Das war es. Ich redete mir ein, wenn Du es tust, diesen Sprung schaffst, dann habe ich es mir selbst bewiesen! Dann habe ich mein Selbstbewußtsein wieder. Ich wollte es, nein, ich mußte es einfach tun.

Einen Tag später, spät am Abend, rief ich bei der Frau an, die meine erste Freundin war. Ich wollte mit ihr reden. Eigentlich nur reden, aber unvorsichtigerweise, oder vielleicht wollte ich es auch bewußt, erzählte ich ihr von dem Springen. Sie bekam fürchterliche Angst - um mich. Es fiel ihr sehr schwer, aber sie gab es sogar zu, daß sie Angst um mich hatte, aber es nutze nichts. Ich war so besessen von der Idee. Für mich gab es nur noch diesen Sprung. Ich glaubte, wenn ich diesen Sprung mache, dann wird sich mein ganzes Leben ändern. Die Ängste meiner Freundin berührten mich nicht stark genug, um mir diesen unsinnigen Gedanken auszutreiben.

Am Tag darauf ging ich dann zu der Veranstaltung. Innerlich natürlich zitternd. Denn ich hatte Angst. Ich weiß nicht einmal, ob ich Angst hatte zu springen oder ob die Angst überwog, nicht zu springen. Gegen 11 Uhr war es dann soweit. Nachdem alle Formalitäten erledigt waren, stand ich auf der Absprungplattform. Ich kann euch sagen, 50 Meter sind verdammt viel. Ich schaute nach unten und innerhalb von Bruchteilen von Sekunden zog mein Leben an meinem inneren Auge vorbei. Doch ich wollte springen und ich sprang. Ich hatte Angst, aber es war trotzdem wunderbar. Ich hatte nach dem geglückten Sprung das Gefühl, nun alles zu schaffen. Aber schon nach ein paar Tagen war die Einsamkeit abends wieder da. Da wurde mir bewußt, wie leichtsinnig ich mit meinem Leben oder meiner Gesundheit gespielt hatte. Es hätte genausogut schiefgehen können. Ich hätte sterben können oder ich hätte mich verletzen können und nun in einem Rollstuhl sitzen - so wie ihr jetzt. Nur ihr sitzt durch das Verschulden anderer Menschen darin - ich hätte es selbst verschuldet gehabt.

Erst ein paar Wochen später fing ich mich wieder und suchte einen Weg, um mein wirkliches Selbstbewußtsein wiederzufinden. Ich wollte etwas tun, was mir Spaß machte und womit ich anderen helfen konnte. Eines der Dinge, die ich gut kann, ist halt mit dem Computer umzugehen.

Dann begann ich systematisch ein Tätigkeitsfeld zu suchen. Und hier in der Klinik habe ich es gefunden. Versteht ihr nun, warum ich so gern mit euch arbeite?"

Acht Augenpaare schauten ihn an. Und langsam, nach und nach konnte Roland es lesen, ein Verstehen ob der Motive die er damals hatte, aber auch ein Unverständnis darüber, wie man so mit seinem Leben oder der Gesundheit spielen kann.

"Du hast großes Glück gehabt, damals. Mehr Glück, als wir alle hatten, die wir nun hier sitzen. Aber ich denke, damals war es für Dich wichtig und wir sind froh, daß wir Dich kennengelernt haben."

Patrick schaute in die Runde, nachdem er diese Worte ausgesprochen hatte und sah stumme Zustimmung in den Augen seiner Freunde. Er schaute Roland an und meinte: "Wir sind froh, daß wir Dich als Lehrer hatten. Ich glaube, keiner von uns wird vergessen, was Du uns gerade erzählt hast. Und danke nochmals, für alles."

Der Tag ging zu Ende und Roland brachte seine Schutzbefohlenen wieder in die Klinik zurück. Aber er spürte, er würde diesen Nachmittag mit den Kids nicht so schnell vergessen. Ihre Augen hatten ihn so erwachsen angeschaut.....

© 1992 TAROT