Schwert 8

Polizeieinsatz

von Tarot
Schwert 8
 

Seit langem hatte ich mir mal wieder Zeit genommen, um zu meiner Freundin zu fahren. Obwohl es mit dem Auto nur 15 Minuten zu ihr hin sind, dauert es immer wieder einige Monate, bis wir uns zu einem gemütlichen Plausch zusammensetzen. Wir treffen uns zwar ab und zu in der Stadt in einem Cafe, aber das ist nicht das gleiche.

Ich genieße diese Stunden bei ihr eigentlich immer sehr. Aus diesem Grunde war ich in einer richtigen Hochstimmung, als ich gestern gegen 15.00 Uhr hier losfuhr. Ich hatte noch schnell eine Dose Espresso von Mövenpick als kleines Mitbringsel hübsch verpackt.

Wenige Minuten später stand ich vielleicht zweihundert Meter von meinem Haus entfernt an einer Ampel, die soeben auf Rot umgesprungen war. Da ich ein umweltbewußter Mensch bin, schaltete ich den Motor meines Wagens aus, denn erfahrungsgemäß hat diese Ampel eine relativ lange Rotphase.

Plötzlich ließ mich eine Bewegung in die Toreinfahrt schauen, die rechts neben mir in einem Neubau war. Was ich sah, ließ mich im ersten Augenblick erstarren. In mir wurde alles kalt und ich dachte nur - ich träume nur, ich sehe das nicht, was da ist.

In der Toreinfahrt knieten zwei Männer, mit dem Gesicht zur Wand. Ihre Stirn lehnte gegen die Mauerwand. Scheinbar ein Ausländer und ein Deutscher. Ihre Hände waren auf dem Rücken zusammengebunden.

Hinter ihnen stand ein Mann mit einer Waffe im Anschlag. Als er sah, dass ich in die Einfahrt reinschaute, lief er zu einem silberfarbenen Opel. Er steckte im Laufen die Waffe ein und stieg halbwegs ins Auto ein. Ich sah, wie er per Funk mit jemandem Kontakt aufnahm.

Und die Ampel war immer noch Rot.

Ein zweiter Mann stand jetzt nur noch hinter den beiden am Boden knieenden Männern. Er durchsuchte eine Geldbörse. Er sah nicht gerade ordentlich aus. Ich bekam Angst.

Einerseits beruhigte mich der Funkwagen, aber andererseits sahen die beiden Männer nicht gerade vertrauenerweckend aus.

Ich überlegte, meinen Wagen direkt vor die Toreinfahrt zu stellen, so daß niemand mehr raus- oder reinkäme und wie wild zu hupen, bis jemand die Polizei rief. Ich schaute wieder in die Toreinfahrt, einer der beiden auf dem Boden knieenden Männer schaute jetzt zu mir her. Ich konnte deutlich Angst in seinem Blick erkennen.

Plötzlich bemerkte ich, dass die beiden nicht mit Handschellen gefesselt waren, sondern ich erkannte schmale Plastikbänder um ihre Handgelenke. Sie waren ja kaum zwei Meter von mir entfernt.

Und die Ampel war immer noch Rot.

Ich hatte das Gefühl schon eine Ewigkeit da zu stehen, obwohl es höchstens ein - zwei Minuten sein konnten.
Die Ampel zeigte Gelb und dann Grün. Ich zögerte noch einen Augenblick, schaute noch einmal in die Toreinfahrt, um mich zu vergewissern, dass ich wirklich sah, was da passierte. Dann fuhr ich los. Im Fahren notierte im mir das Kennzeichen des Wagens und dachte nur, was tust Du jetzt nur? Du kannst doch nicht einfach wegfahren.

Was passierte, wenn die beiden keine Polizisten waren? In mir zitterte alles und ich hatte immer noch ein seltsames Gefühl. Ich fuhr zur nächsten Telefonzelle, sie war kaputt. Die nächste Telefonzelle erreichte ich erst nach fünf Minuten. Fünf Minuten, die eventuell für die beiden Männer viel zu lang waren. Was hätte alles in dieser Zeit passieren können?

Ich wählte die 110. "Polizei - Notruf", hörte ich eine ruhige Männerstimme. Ich nannte meinen Namen und fragte:
"Können Sie mir sagen, ob sie eine Zivilstreife mit einem zivilen Polizeiauto: blau, Opel Vectra mit dem Kennzeichen GE - AC 431 im Einsatz haben?

"Warum?" fragte mich der Mann nur. Im ersten Augenblick ärgerte ich mich über diese banale Frage. Im Nachhinein wurde mir klar, dass er nicht einfach mit Ja antworten durfte.

Ich erzählte kurz, was ich gesehen hatte und spürte plötzlich, dass ich beim Erzählen immer aufgeregter wurde. Mein Herz pochte sehr heftig. Jetzt bemerkte ich erst einmal, was sich in der kurzen Zeit bei mir aufgestaut hatte. Ich erzählte ihm auch von den Plastikbändern.

"Und jetzt machen Sie sich Sorgen." meinte der Mann zu mir. "Beruhigen Sie sich wieder. Es handelte sich um einen Polizeieinsatz, aber Kompliment, sie haben sehr genau beobachtet."

Ich bedankte mich und legte auf.

Als ich wieder zu meinem Auto ging, hatte ich weiche Knie. Als ich weiterfuhr, dachte ich nur: Wieviele Menschen mögen so was auch sehen und sich nicht darum kümmern?

Ich könnte so was nie. Ich müsste immer auf irgendeine Art helfen. Für mich gibt es den Spruch "Das geht mich nichts an" nicht.

Ich brauchte noch bis abends, bis in mir wieder alles ruhig war, und ich gestehe, ich bin neugierig, ob ich am Montag etwas in der Zeitung darüber lese.

© 1992 TAROT