Stab 5

Naomi - Das Zeitwichtelchen

von Tarot
Stab 5
 

Es gibt Tage, an denen man tun kann, was man will - es klappt rein gar nichts. So ein Tag war heute. Das bestellte Material kam mit ein paar Tagen Verspätung und als ich es dann endlich ausgepackt hatte, stellte sich heraus, daß es auch noch falsch war. Die Zeit, um zum Frisör zu gehen, mußte ich mir auch stehlen, um es noch irgendwie zu packen. Ja, wenn ich es nicht genau wüßte, würde ich behaupten, daß wir heute Montag haben. Als ich nun so mitten in meiner Arbeit hockte, meine unbearbeiteten Akten von der rechten auf die linke Schreibtischseite packte, hörte ich plötzlich ein unterdrücktes Kichern. Verwundert schaute ich mich um, konnte aber niemanden entdecken.

Wieder dieses Kichern, von woher kam es nur? Vielleicht sollte ich doch endlich aufhören zu arbeiten? Aber nein, da war es wieder. Ein leichtes Knistern war zu hören, und da sah ich es, ein kleines Wichtelchen saß da plötzlich auf meiner Schreibtischecke. Es war ein kleines Wesen, mit einem langen, weiten Rock bekleidet, der aus hundert Stoffteilen zusammengesetzt schien. Darüber war ein großes Dreieckstuch geschlungen, welches über der Brust durch einen Knoten gehalten wurde. Was das Wichtelchen unter dem Tuch trug, war nicht zu erkennen. Aber ein fröhliches Gesicht lächelte mich an und die Augen funkelten mir lustig zu.

"So wird das nie was. So kann es nichts werden." plapperte das kleine Wesen plötzlich los. Ich strich mir über die Augen und fragte mich ob ich wohl träumte, aber nein, die kleine Gestalt war immer noch da.

"Sag mal, wer bist Du? Und was machst Du eigentlich hier?" fragte ich.
"Ich? Ich bin Naomi, Dein Zeitwichtel. Jeder Mensch hat so einen Zeitwichtel. Nur die meisten Menschen werden es nie zu sehen bekommen. Sie haben ja auch keine Zeit dazu. Sie schuften und hasten und sehen das wichtigste vom Leben nie."
"Ein Zeitwichtel? Aber was ist denn ein Zeitwichtel - und wieso haben alle Menschen so einen Wichtel?"
"Du stellst viele Fragen. Aber glaubst Du wirklich, daß hier der richtige Ort ist, um darüber zu reden. Streng' mal Deinen Kopf an und denk nach. Wenn Du den richtigen Ort gefunden hast, dann wirst Du mich dort finden und dann werde ich Dir alles erklären. Und Tschüß!"

Wieder war dieses Knistern zu hören und das Wichtelchen war verschwunden.
Naomi - Zeitwichtel, ich muß total überarbeitet sein, dachte ich bei mir, räumte noch meinen Schreibtisch auf und verließ dann mein Büro.

Als ich abends dann endlich in meinem Sessel saß, die Füße angezogen und einer weichen, einschmeichelnden Musik lauschend, ging es mir wieder durch meinen Kopf. Ob ich vielleicht doch geträumt hatte? Aber nein, es war alles viel zu realistisch gewesen. Ich glaubte noch jetzt dieses eigenartige Knistern zu hören und dieses verhaltene Kichern - so, als ob es etwas Verbotenes wäre. Was heißt das: Zeitwichtel?

Ich begann über das Wort Zeit nachzudenken. Als erstes fiel mir ein Film ein, den ich vor Jahren gesehen hatte: "Zeit der Zärtlichkeit". Aber ich konnte mich fast nur noch an den Titel des Filmes erinnern, von dem Inhalt fiel mir nur noch ein, daß da ein Mensch starb, und ich sehr erschüttert darüber war. Ja, ich spürte Tränen und Trauer, obwohl es doch nur ein Film war.

Hm, was fällt mir noch ein zu dem Wort Zeit?

Uhrzeit - irgendwelche Termine, die ich einhalten mußte oder Urlaubszeit. Ja, das gefiel mir schon besser - diese Verbindung, die ich da zu dem Wort 'Zeit' hatte. Aber ich spürte, daß es das nicht sein konnte. Zu welcher Zeit konnte ich am besten arbeiten? Wenn ich gefordert war und ausgeschlafen, oder zu welcher Zeit fühlte ich mich am wohlsten?

Zeit, Zeit und nochmals Zeit. Aber alles das konnte es nicht sein.

Ja, aber sicher - das konnte es sein:
"Zeit ohne Zeit" war mal ein Ausdruck, den ich selbst erfunden hatte. Es war, als ich ausspannen wollte. Weg von der Arbeit und den Verpflichtungen. Einfach aufstehen, wann ich wollte, hingehen, wohin ich wollte und tun, was ich wollte. Wann und wie lange ich wollte. Ich wollte Zeit ohne Zeit nur für mich. Ein paar Tage ohne Uhr - ohne Zeit leben.

Ich weis noch genau wo ich diese Gedanken hatte. Es war bei einem Spaziergang. Er führte mich aus der Stadt heraus, nicht weit, aber weit genug, um alles hinter mir zu lassen. Der Weg mündete in einem Wäldchen, in dem man noch die Vögel hören konnte, statt Lärm von Autos oder der Stadt. Plötzlich spürte ich es. Da, nur da konnte ich Naomi finden.

Ich ging zu Bett und wieder schlich sich Naomi in meine Gedanken. Mit einem kleinen Lächeln dachte ich an sie und schlief dann ein.

Am anderen Morgen holte mich der Alltag mit aller Macht wieder ein. Eine geschäftliche Fahrt nach Mannheim verdrängte alle anderen Gedanken. Durch die Fahrt verlor ich viel Zeit und mußte am Abend noch lange im Büro arbeiten, um die verlorene Zeit wieder einzuholen. Unwillkürlich schaute ich plötzlich auf den Platz, auf dem das kleine Wichtelchen am Abend zuvor gehockt hatte. Aber nichts war zu sehen oder zu hören.

Erst ein paar Tage später, am Wochenende, schaffte ich es, alles hinter mir zu lassen. Ich wollte einen ausgedehnten Spaziergang machen. Es war kalt draußen, so zog ich mich warm an und rollte mir auch noch einen langen Schal um den Hals.

Je weiter ich mich vom Haus entfernte, um so freier fühlte ich mich. Fast übermütig steckte ich meine Nase in die Luft und spürte, wie das Leben in mir erwachte. Tief atmete ich die klare Luft ein. Am liebsten hätte ich die Arme ausgebreitet und mich um mich selbst gedreht. Ich ging auf den kleinen Wald zu und plötzlich war der Gedanke an Naomi wieder da. Je mehr Tage zwischen dem ersten Auftauchen dieses kleinen Persönchens und dem aktuellen Tag vergingen, um so mehr glaubte ich, daß ich mir alles nur eingebildet hatte. Trotzdem mußte ich immer wieder daran denken. So auch jetzt, als ich auf den Wald zuging, in dem ich zum erstenmal diese Worte - Zeit ohne Zeit - geformt hatte.

Neugierig streckte ich meine Nase aus dem großen Schal und schaute über den Waldweg vor mir. Doch nichts war zu sehen. Naomi - Zeitwichtel. Als Kind habe ich von Zwergen und Wichteln gelesen, aber an solche Wesen geglaubt habe ich eigentlich nie. In solche Gedanken versunken ging ich weiter bis zu einer Bank, auf der ich wie immer ein paar Minuten verweilen wollte, bevor ich mich wieder auf den Heimweg machte.

Ich genoß diesen Ausblick immer wieder, denn hier von dieser Bank aus hatte ich einen großartigen Blick auf die Umgebung. Der Wald lag etwas höher und wenn man auf der Bank saß, konnte man in ein Tal hineinschauen. Ich vergaß immer, wenn ich hier saß, daß auf der anderen Seite des Waldes die Stadt liegt. Hier oben auf meiner Bank bin ich ganz weit weg von allem. Kann die Wiesen sehen und im Sommer die Schmetterlinge bewundern, wie sie in ihrer Farbenpracht über den Blumen verharren. Hier schien die Zeit immer still zu stehen. Eine große Ruhe überkommt mich dort immer. Es ist, als ob ich Kraft tanke.

"Ich wußte, daß Du kommst." hörte ich da ein Stimmchen neben mir und wieder war dieses leichte Knistern da.

"Naomi, was machst Du hier?" fragte ich.

"Ich habe Dir doch gesagt, wenn Du den richtigen Ort gefunden hast, so werde ich Dir alles erklären. Also höre mir gut zu, denn ich werde es Dir nur einmal erzählen. Eigentlich dürfte ich es gar nicht tun, nicht einmal mit Dir reden oder mich Dir zeigen dürfte ich, aber ich mag Deine Art zu denken oder Gedichte zu schreiben. Deshalb werde ich versuchen, Dir klarzumachen, was ich mit Dir zu tun habe.
Jeder Mensch hat einen Zeitwichtel. Dieser Wichtel ist wie die Zeit, die der jeweilige Mensch zu leben hat. Aber jeder Mensch bestimmt auf eine gewisse Weise auch selbst, wieviel Zeit er zu leben hat. Wenn eure Zeit beginnt, so sind wir Wichtel stark und das bleibt auch eine lange Zeit so. Aber dann, wenn ihr anfang,t dem Geld oder Ansehen hinterher zu jagen, von einem Termin zum anderen hetzt, vergeßt, was Zeit zu leben heißt, so verlieren wir Stärke und Kraft. Wir sind wie Eure Zeituhr - oder noch besser gesagt: Eure Lebensuhr. Niemand anders als ihr selber bestimmt, wie lange ihr lebt."

"Moment", unterbrach ich Naomi, "das kann ja gar nicht so sein. Niemand kann über die Dauer seines Lebens bestimmen. Da gibt es Krankheiten oder Unfälle. Verschiedene Stellungen im Beruf. Der eine lebt mehr oder weniger intensiv oder gefährlich. Niemand kann bestimmen, ob er alt wird. Niemand!"

"Das stimmt in gewisser Hinsicht schon. Gegen Unfälle oder Krankheiten wie Krebs oder Erbkrankheiten könnt Ihr nichts tun. Aber gegen alles andere schon. Denk mal nach, was sind denn die häufigsten Krankheitsursachen? Denk nach! Sind es nicht hauptsächlich Streßsituationen, in denen die häufigsten Herzanfälle passieren? Denk nach: wann oder wie passieren die meisten Autounfälle. Nein, nicht wegen Alkohol am Steuer, sondern wegen der Übermüdung. Zeit, Zeit, Zeit wollt ihr sparen. Aber was tut ihr in Wirklichkeit?"

Zornig funkelten mich diese kleinen Augen jetzt an und das kleine Wesen hüpfte auf der Bank hin und her. Sie wedelte mit den Ärmchen, so daß ich fast befürchtete, sie fiele gleich von der Bank.

"Wenn ihr so hetzt und hastet, euch keine Zeit gönnt, dann schrumpfen wir Wichtel. Die Kraft verläßt uns und an unserer Kraft kann man die Zeit messen, die dem Menschen noch bleibt, zu dem wir gehören."

"Ja, aber, dann muß ich ja sehr alt werden", versuchte ich zu scherzen.

"Das kann man so nicht sagen," antwortete Naomi daraufhin und wollte gerade weitersprechen, als ich ihr ins Wort fiel:
"Du siehst doch so kraftvoll aus. Und hast Du mir nicht gerade selbst gesagt, die Kraft, die in euch steckt, wäre die Zeit, die uns Menschen noch auf dieser Welt bliebe?"

"Ja, das habe ich gesagt. Aber ich bin nicht immer so wie heute. Du hättest mich mal gestern abend sehen müssen."

"Ja, aber das verstehe ich nicht. Soll ich denn gestern weniger Zeit noch zum Leben gehabt haben als heute? Bitte entschuldige, aber das ist doch Schwachsinn."

"Hast Du denn gestern abend gelebt? Ich meine nicht, ob Dein Herz schlug und Dein Kreislauf funktionierte. Fühltest Du Dich gut? Oder fühlst Du Dich jetzt besser? Was ich damit sagen will ist: Jeder Mensch bestimmt die Zeit seines Lebens in der Art, daß er sich für eine Art des Lebens entscheidet. Menschen, die hasten und ackern. Die keine Zeit für sich haben - die sich selbst nicht mehr spüren und nur noch mit Zahlen, Terminen oder Sorgen leben. Diese Menschen sind arm! Arm an Zeit - sie leben ja gar nicht - sie funktionieren.
Aber es gibt auch noch andere Menschen. Menschen, die auch arbeiten, deren Zeitwichtel auch mal schwächer werden. Aber diese Menschen finden die Zeit, nehmen sich die Zeit, die sie brauchen. Für sich. Sie nehmen sich Zeit, um spazieren zu gehen. Oder sie nehmen sich Zeit und gönnen sich einen beschaulichen Abend zu Hause, bei Musik oder einem guten Buch. Denk doch an Dich selbst. Wann schreibst Du Geschichten oder Gedichte? Doch nur, wenn Du Zeit für Dich hast, wenn Du Dich gut fühlst. So wie Du Dich fühlst, so fühle ich mich auch. Jeder Zeitwichtel fühlt sich so wie der Mensch, dem er zugeteilt wurde. Ich weiß, es klingt alles ein bißchen verworren, aber glaube mir, genauso ist das Leben. Denk mal darüber nach."

In Gedanken versunken vernahm ich zum letzten Mal dieses leise Knistern und Naomi war verschwunden.

Ich spürte, daß ich Naomi - mein Zeitwichtelchen - niemals wieder sehen würde, aber ich glaube, ich habe verstanden, was es mir sagen wollte. Ich saß noch eine ganze Weile auf der Bank und dachte an die Worte, die ich gehört hatte und auch auf dem Heimweg dachte ich darüber nach. Zeit ohne Zeit, ja ich weiß, diese Worte gelten nur eingeschränkt. Denn kein arbeitender Mensch kann ohne die Zeit leben. Aber jeder kann sich mal Zeit ohne Zeit gönnen. Zeit für sich - und sein Leben oder die Stärke seines Zeitwichtels. Ich genieße jetzt viel öfters Spaziergänge oder Abende, an denen ich mir keine Arbeit mit nach oben nehme.

Ich nehme mir Zeit für mich.

© 1992 Tarot