Kelch 2

Auch Mütter sind nur Menschen

von Tarot
Kelch 2
 

Mit großen dunklen Augen, in denen Tränen schwammen, stand das kleine Mädchen vor seiner Mutter. Ganz vorwurfsvoll, aber auch erschrocken schaute sie zu ihrer Mami hoch. Warum? - schienen diese Augen zu fragen, dann drehte sich das Mädchen um und ging mit langsamen Schritten und gesenktem Kopf aus dem Zimmer.

Mit einem Aufschluchzen ließ die junge Frau sich auf den Küchenstuhl fallen und schlug die Hände vors Gesicht. Ein heftiges Weinen schüttelte sie. Warum? - fragte auch sie sich, warum habe ich jetzt Nein gesagt?

Es war einfach alles zuviel gewesen heute. Die viele Arbeit, dann war die Waschmaschine ausgefallen und der Kundendienst konnte nicht kommen.

Dann hatte sie die gute Vase zerbrochen gefunden und weder Maik noch Svenja wollten es gewesen sein.

Als dann vor ein paar Minuten Svenja in der Küche erschien und ihre Mami fragte, ob sie ein Eis dürfe, sagte ihre Mami: "Nein - und jetzt lass mich mal in Ruhe!" Ihre Stimme hatte lauter und härter geklungen als sie es beabsichtigt hatte. Und als Svenja nicht sofort ging, sagte sie noch einmal: "Ich habe Nein gesagt und jetzt Schluss!"

Ich bin doch auch nur ein Mensch!

Ihre Gedanken wanderten in ihre eigene Kindheit zurück. Wie war das Leben damals - für sie - als Kind? Ihre Eltern mussten auch viel arbeiten, hatten so manches Mal keine Zeit für die Kinder. Aber ich hatte meine Eltern lieb, ging es der Frau durch den Kopf. Auch wenn ich manchmal nicht verstand, warum Mutti nie sehr erfreut war, wenn wir sie baten, mit uns Monopoly zu spielen. Dabei war doch spielen mit Mami und Papi das Schönste für uns Kinder. Oder wenn wir mal einen Ausflug gemacht haben. Ein Glänzen trat in die Augen der Frau, als sie an diese Zeit ihres Lebens dachte. Schon morgens um halb sechs standen wir alle auf. Mutti packte Kartoffelsalat ein, eine Kanne mit heißem Tee und dann ging es los. Im Auto wurden wir in Decken gehüllt und auf ging es. Es war eine herrliche Zeit.

Und jetzt? Wie ist die Zeit jetzt? Warum habe ich Svenja vorhin das Eis abgeschlagen? Warum nur? Was kann die Kleine dafür, dass ich erschöpft bin?

Warum nur ist alles so? Wieso habe ich mich so geändert? Als Kind freute ich mich, wenn meine Eltern mit mir spielten, warum bin ich heute froh, wenn meine Kinder nicht gerade Monopoly mit mir spielen wollen?

Wenn ich groß bin ..... oh ja, diesen Satz habe ich oft genug als Kind gedacht. Und jetzt? Jetzt ist es genauso wie früher, nur diesmal bin nicht ich das Kind - sondern die Mami.

Energisch steht die junge Frau auf, wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und geht zu ihrer kleinen Tochter ins Kinderzimmer. Svenja liegt bäuchlings auf dem Bett und blättert in einem Buch.

"Svenja, komm, wir beide - nur Du und ich - wir gehen jetzt ein Eis essen, in der Eisdiele an der Ecke!"

Schon strahlten die Kinderaugen wieder. Hand in Hand marschierten Mutter und Tochter zur Eisdiele und ließen sich ein großes Eis bringen.

"Weißt Du, mein Mädchen...vorhin, in der Küche habe ich es nicht böse gemeint. Es tut mir leid. Ist wieder alles gut?"

"Hmm", brachte Svenja nur heraus und löffelte eifrig an ihrem Eis und die Kinderaugen schauten vertrauensvoll der Mami ins Gesicht.

Abends, als die Frau mit ihrem Mann im Wohnzimmer saß, erzählte sie ihm, was passiert ist. "Wir müssen uns mehr Zeit für die Kinder nehmen und auch mal öfters etwas mit ihnen unternehmen. Weißt Du, meine Eltern haben es früher mit uns auch getan und es war eine sehr schöne Zeit für uns Kinder.
Ich möchte, dass auch unsere Kinder später einmal mit strahlenden Augen an diese Zeit zurückdenken."

© 1993 Tarot