As der Schwerter

Menschlichkeit

von Tarot
As der Schwerter
 

Über Pfingsten musste mein Mann geschäftlich verreisen. Da wir aber unser Familienleben dadurch nicht vernachlässigen wollten, haben wir kurzerhand das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden und sind zu viert ans Veluwe-Meer gefahren.

Nachdem die Arbeit getan war, schipperten wir noch ein wenig auf dem Meer herum. Was uns sofort auffiel, war der lustige Ton unter den Skippern, der die ganze Zeit über mittels des Funkgerätes mitzuhören war.

Schnell wurde einem Boot geholfen, welches sich festgefahren hatte und irgendwie hörte man gespannt zu, wer wem welche guten Ratschläge gab und alle atmeten erleichtert auf, als wir hörten, das Schiff sei wieder flott. Wir spürten, obwohl wir nicht dazugehörten, die Menschlichkeit, die unter den Freizeitkapitänen herrschte.

Doch erst einen Tag später hatte ich ein Erlebnis, welches ich hier unbedingt schildern möchte. Wahrscheinlich haben es Hunderte von Leuten ebenso gesehen wie ich, doch bezweifle ich, dass es auch nur zehn bewusst wahrgenommen haben:

Es war am Pfingstmontag. Wir sind mit dem Schiff aus dem Hafen heraus nach Harderwijk gefahren. Dort an Land trennten wir uns, weil ich mit meinen beiden Kindern in das Delphinarium wollte. Es war zwar sehr kalt und windig, aber wir ließen uns nicht entmutigen. Wir schauten der Show der Seehunde unter freiem Himmel mit viel Spaß zu und lachten uns fast heiser über die Komik der Tiere.

Dann gingen wir ins Zelt, in dem die Delphine ihre Show zeigen sollten. Aufgeregt plapperten meine Kinder auf mich ein: "Wann fängt es denn an? Und was machen sie denn alles?"

Plötzlich wurden meine Blicke auf einen Rollstuhlfahrer gelenkt, der soeben in das Zelt rollte. Ich sah mir die Zuschauertribüne an und dachte, der Mann hat ja gar keinen Platz, er kann ja nirgendwo hin...

Doch da hatte ich mich geirrt. Einer der Bediensteten des Parks ging auf den Mann im Rollstuhl zu und sprach mit ihm. Ich konnte natürlich nicht verstehen, was er sagte, aber der Mann nickte mit dem Kopf und rollte auf eine ganz bestimmte Stelle zu. Da kam der Bedienstete schon zurück und brachte einen Klappstuhl mit. Jetzt verstand ich: Der Rollstuhl durfte vor den Zuschauerbänken stehen...und der Klappstuhl?

Ja, der war keineswegs für den Mann, nein, sondern extra für die Dame in seiner Begleitung gedacht und zwar einzig und allein aus dem Grund, dass sie während der Vorstellung an seiner Seite sitzen konnte.

Das gleiche konnte ich wenige Minuten später noch einmal mit den Augen verfolgen, als noch ein Rollstuhlfahrer in die Halle kam.

Mir hat die Sache ein warmes Gefühl verursacht, denn sie zeigte mir: Es gibt noch echte Menschlichkeit!

© 1990 Tarot