Scheiben 4

Mauern überwinden

von Tarot
Scheiben 4
 

Es gibt in unserem Leben immer wieder Momente, vielleicht Stunden oder Tage, in denen wir an Grenzen stoßen, an denen wir nicht mehr weiter wissen, in denen wir verzweifeln wollen. Es ist dann leicht gesagt, dass wir an unseren Grenzen wachsen sollen, die hemmende Mauer überspringen sollen. Wir sind dann wie erstarrt - und mauern uns ein, blocken selbst die besten Freunde ab.

In solchen Zeiten stehen wir uns meistens selbst im Weg, mögen uns selbst nicht mehr. Dann kommen die Zeiten, in denen wir an glückliche Stunden zurückdenken, um nur noch tiefer in unserer augenblicklichen Situation zu versinken.

Wir sind nicht mehr wir selbst, sondern laufen ohne Ziel umher, fangen hundert Dinge an, ohne sie zu beenden, werden launisch und unzufrieden. Selbst mit uns. Sind kaum noch ansprechbar und finden an nichts mehr Gefallen. Wir nehmen kaum noch den Sonnenschein wahr, weil wir nicht wissen, warum.

Dann kommen die Stunden, in denen wir versuchen nicht nur uns selbst, sondern auch unsere Freunde zu täuschen. Wir werden plötzlich unheimlich aktiv. Neue Dinge werden begonnen, unzählige Telefonate geführt und äußerlich einen auf fröhlich gemacht. Doch sobald die Tür hinter uns ins Schloss fällt, bauen sich die Mauern wieder um uns herum auf.

Dabei ist es doch ganz normal, was da mit uns passiert. Jeder Mensch weiß, dass es im Leben diese Situationen gibt. Eine Weggabelung unseres Lebensweges, an der man sich entscheiden muss, oder an dem man an Mauern stößt, um sie dann anzugehen. Diese Mauern oder Grenzen oder Weggabelungen gehören zu unserem Leben, wie der Regen und die Sonne, wie der Tag und die Nacht.

Doch jeder muss dann für sich einen Weg finden, diese Grenze, diese Mauer zu überwinden. Dies kann aber niemand, indem er resigniert oder sich einfach umdreht, um einen anderen Weg zu suchen, denn dann wird er unweigerlich an einer anderen Stelle vor einer neuen, vielleicht noch höheren Mauer stehen.

Nein, wir müssen uns unserer, jeder seiner eigenen Mauer nähern, versuchen sie einzuschätzen. Sich darüber klar werden, dass man sie nur überwinden kann, wenn man nicht resigniert, sondern versucht, sie zu bezwingen. Wir müssen versuchen, die schwachen Stellen "unserer" Mauer zu finden. Wir müssen sie ansehen, um herauszufinden, ob sie wackelige Steine hat oder ob sie irgendwo brüchig ist.

Wir müssen lernen, unsere Mauer mit anderen Augen zu sehen. Wir müssen sie als Herausforderung betrachten, an ihr wachsen, ihre Überwindung als unsere nächste Aufgabe betrachten. Nicht aufgeben, auch dann nicht, wenn wir uns die ersten Beulen und blauen Flecken geholt haben.

Wer sagt denn, dass wir "unsere" Mauer allein bewältigen müssen?

Warum lassen wir uns so ungern helfen? Freunde sind dafür da, einem beizustehen, wenn man an seine Grenze, seine Weggabelung kommt. Und es hat schon viele Freunde gegeben, die einem helfen, über eine Mauer zu kommen. Aber es wird auch immer Freunde geben, die an "unserer" Mauer erkennen lassen, dass sie Angst vor der Mauer haben und das Wort "Freund" nicht wert sind.

Jede Mauer, die wir angehen, ist ein Sieg für uns. Jedes Hindernis, welches wir überwinden und jede Weggabelung, an der wir uns entscheiden, ist ein Meilenstein in unserem Leben. Wir müssen nur lernen, dass es niemanden gibt, der uns die Mauern aus dem Weg räumt und die Grenzen einfach öffnet oder einen Wegweiser für uns aufbaut.

Jeder muss seinen eigenen Weg finden und gehen. Glücklich ist der, den auf seinem Weg viele Freunde begleiten, wenn auch nur in kurzen, aber intensiven Etappen.

© 1990 Tarot