Stab 4

Losgelöst

von Tarot
Stab 4
 

Manchmal frage ich mich selbst: 'Warum tust du dir das nur an?'. Immer wieder bekomme ich zu hören: "Trete doch mal etwas kürzer. Nimm dir Zeit für Dich selbst." Ha, die haben alle gut lachen. Mein Leben wird zum größten Teil von meinem Terminkalender bestimmt.

Wenn es keine geschäftlichen Termine sind, dann stehen da noch private Verpflichtungen drin - wie Konzerte oder (Pflicht)Besuche bei Verwandten.

Jedesmal, wenn ich dann mal wieder kurz vor dem körperlichen Bankrott stehe, nehme ich mir vor: 'Du wirst dich ändern: Pünktlich Feierabend, langes Bad in der Badewanne und ausruhen, vielleicht mal ins Kino oder zum Eis essen in die Eisdiele an der Ecke.'

Alles Vorsätze, die Vorsätze bleiben - ich frage mich langsam wieso. Wieso renne ich dem Geld hinterher, wieso mache ich mich für Fremde (Kunden) kaputt?

Ich sehne mir dann immer wieder Momente herbei, wie ich ihn kürzlich in München erleben durfte:

Nach einer sehr langen Zeit war ich mal wieder in München bei einem Freund. Die letzten Wochen hatten mich an den Rand meiner Kraft ankommen lassen und ich hoffte, diese 3 Tage würden mich wieder aufbauen. Ich hatte mir Zeit für die lange Fahrt genommen - habe bewußt die Geschwindigkeit in einem (für mich) niedrigem Bereich gehalten und genoß es einfach, auch mal einen Blick auf die Landschaft zu riskieren.

Wohlig erschöpft erreichte ich München abends gegen 18.45 Uhr. Es war noch hell, daher sah ich auch das Besondere dieses Abends noch nicht.

Nur ein großes Zelt fiel mir auf, da, wo ich sonst normalerweise mein Auto parke: "Weltraumausstellung" - konnte ich lesen, aber vorstellen konnte ich mir nichts darunter.

Nach einem gemütlichen Abendessen in aller Ruhe und einem anregenden Gespräch stand ich abends dann am Fenster und schaute hinaus und wurde sofort von dem Schauspiel gefesselt, welches sich da meinen Augen bot.

Plötzlich spürte ich nichts mehr um mich herum. Ich hörte die leise Musik im Raum nicht mehr - hörte nicht mehr was er zu mir sagte. Ich schaute nur noch und war fasziniert.

Hinter der nächsten Häuserzeile stand das Zelt mit der Weltraumausstellung und nun konnte ich sehen, daß dort vier Laser installiert worden sein mußten, denn 4 Lichtfinger spielten ein Spiel. Es waren jeweils zwei Laserstrahlen parallel angeordnet - und beide Paare trafen sich, überkreuzten sich und setzten ihren ellipsenförmigen Weg fort, um sich mittig wieder mit dem anderen Paar zu kreuzen.

Aber das allein war es nicht, was mich so staunen ließ - ja: staunen, denn ich stand da wie ein kleines Kind an Weihnachten und schaute in den Himmel. Es hatte nämlich zu schneien begonnen und die Schneeflocken tanzten in den Laserstrahlen. Durch die Bewegung der Laserfinger im Nachthimmel sah es aus, als wenn die Schneeflocken sich innerhalb des Strahles drehten und wie von einer unsichtbaren Macht nach oben gezogen wurden.

Friedvolle Ruhe kehrte in mein Inneres ein und ich fühlte mich völlig losgelöst von allem, was mich bedrückt oder bewegt. Ich sah hinaus und spürte die Ruhe in mir einkehren. Das gesamte Wochenende wurde von diesem Erlebnis überstrahlt, welches mich noch heute so bewegt, daß ich es einfach niederschreiben mußte.

© 1992 Tarot