Königin der Kelche

Die Sprache der Kinder

von Tarot
Königin der Kelche
 

An einem warmen Sommertag spielten mehrere Kinder auf einem Spielplatz. Einige im Sand, ein paar andere vergnügten sich auf der Rutsche und wieder ein paar turnten auf dem Klettergerüst herum.

Etwas abseits von den anderen spielte ein kleiner Junge. Er hatte einen Kreis in den Sand gemalt und warf langsam kleine Steine in den Ring. Immer wieder, einen Stein nehmen - den Kreis ansehen und werfen.

Ein kleines Stück entfernt saß eine traurige ausschauende Dame und schaute dem Buben zu.

Da löste sich ein kleines, etwa fünfjähriges Mädchen von den anderen im Sandkasten und lief auf den Jungen zu.

"Was machst Du da? Darf ich mitspielen?"

Der Junge beachtete jedoch das Mädchen nicht - wieder nahm er einen Stein und versuchte, ihn in den Kreis zu werfen.

Eine Weile sah das Mädchen dem Treiben zu und versuchte es dann noch einmal:

"Ich heiße Britta und wie heißt Du?"

Wieder bekam es keine Antwort auf seine Frage. Da drehte sie sich herum und lief auf dem Spielplatz herum. Immer wieder bückte sie sich, lief weiter und hob wieder etwas auf.

Kurze Zeit später war sie wieder neben dem kleinen Jungen, stellte sich genau neben ihn und begann die eingesammelten Steine, die sie fest in ihrer kleinen Faust hielt, ebenfalls in den Kreis zu werfen.

Kurz schaute der kleine Bub zu ihr herüber, um dann weiter seine Steine in den Ring aus Sand zu werfen.

Das kleine Mädchen fing an, beim werfen ein Kinderliedchen zu singen: "Zeigt her eure Füße, zeigt her eure Schuh..." - da setzte es sich auf den Boden und zog einen Schuh aus und stellte diesen mitten in den Kreis.

Der Junge passte plötzlich genau auf, was sich da neben ihm abspielte und...dann setzte er auch sich auf den Boden und zog ebenfalls einen Schuh aus und stellte ihn zwar etwas ungeschickt, aber sichtlich bemüht genau gerade, neben Brittas Schuh hin.

Da stand die Frau, die noch gerade auf der Bank gesessen hatte auf und trat zu den Kindern. Sie sah liebevoll erst den Jungen und dann Britta an und sagte:

"Weißt Du, mein Peter ist krank, er ist behindert und kann deshalb nicht so gut mit Dir spielen, er versteht Dich nicht. Sei nicht traurig."

Britta schaute die Frau ernsthaft an und meinte: "Peter hat mich schon verstanden - schau - er hat seinen Schuh auch in den Kreis gestellt."

So standen die zwei Kinder noch eine Weile am Rand des Ringes und versuchten nacheinander ihre Steinchen in die Schuhe zu werfen. Sie sprachen zwar nicht miteinander, aber die Augen des Jungen begannen zu glänzen, wann immer er zu dem kleinen Mädchen hinschaute.

Kinder verstehen sich halt auch ohne Worte.

© 1990 Tarot