Prinz der Kelche

Irrflug

von Tarot
Prinz der Kelche
 

Eigentlich war es ein ganz gewöhnlicher Mittwochmorgen, und ich ahnte nicht im geringsten, was dieser Tag noch an Aufregung für mich bereit hielt.

Kurz nach halb neun klingelte mein Telefon und ein Kollege rief bei mir an.

"Du musst mir unbedingt helfen, Du bist die einzigste, die es irgendwie schaffen kann, mir zu helfen."

"Ernst, guten Morgen, was ist los, was kann ich für Dich tun?"

"Also höre zu! Gestern abend ist hier in mein Büro eine Taube, eine Brieftaube reingeflogen und die macht keinerlei Anstalten, hier wieder wegzufliegen, dass einzige, was sie macht, sie scheißt mir hier das ganze Büro voll. Die Taube muss eine Brieftaube sein, denn sie trägt zwei Ringe. Die Nummern gebe ich Dir gleich mal per Telefax durch."

Knapp eine halbe Stunde später erreichte mich wirklich das Fax, da konnte ich nun lesen:

Stammring Nr.: DV 05590 - 88 - 458 Farbe grün
Flugring Nr.: 2575 Farbe blau

Tja, da stand ich nun, ich, die absolut keine Ahnung von Tauben hatte. Ich schaute ins Telefonbuch unserer Stadt: Nichts! Als nächstes schaute ich ins "Gewusst wo", in dem auch Vereine standen: Nichts!

Nun war mein Ehrgeiz geweckt. Verflixt, es musste doch wohl möglich sein, einen Taubenverein ausfindig zu machen!

Kulturamt - ging es mir durch den Kopf - genau, wenn mich jemand für unseren Musikverein erreichen will (ich bin da Geschäftsführerin und deshalb Kontaktperson), so können diese Menschen meine Telefonnummer vom Kulturamt erfahren.

Also die Nummer der Stadt Gelsenkirchen gewählt und nach dem Kulturamt gefragt.

Hier meldete sich eine Dame, die mir auf meine Frage nach einem Taubenverein leider keine Namen oder Telefonnummern geben konnte. Als ich ihr jedoch näher von dem Problem berichtete, meinte sie: "Es tut mir leid, ich habe keine Telefonnummern oder so von Taubenzüchtervereinen, aber ich habe eine Freundin, deren Mann ist ein Taubenvater, ich gebe Ihnen mal die Telefonnummer, sagen sie dann, dass sie die Telefonnummer von mir haben."

Ich bedankte mich ganz herzlich und wählte die zweite Nummer, wegen einer Taube, die ich nie zu Gesicht bekommen habe.

"Städtisches Krankenhaus", tönte mir aus der Leitung entgegen.

"Ich hätte gern Frau Morawski gesprochen", bat ich die Telefonistin. Nach kurzer Zeit meldete sich wieder eine mir fremde Frau, und zum zweiten Mal erzählte ich nun die Geschichte der verirrten Taube.

Nachdem ich ihr die Nummern der Ringe geschildert hatte, wusste ich immerhin schon, dass die Taube zwei Jahre alt war, aber das half mir nun auch nicht weiter, denn der Mann dieser Frau war Lokomotivführer und irgendwo in Deutschland unterwegs.

Aber ich bekam eine dritte Telefonnummer, denn glücklicherweise wusste diese Dame den Namen des Vorsitzenden des Taubenzüchtervereins. Inzwischen war es elf Uhr geworden. Trotzdem wählte ich auch noch die dritte Nummer an. Logischerweise war der Hausherr auch in diesem Fall nicht zu Hause, denn welcher normal lebende Mensch braucht mittwochs morgens nicht zu arbeiten?

Aber die Dame war sehr hilfsbereit. Nachdem ich nun das dritte Mal die Story der verirrten Taube erzählt hatte, sagte sie mir zu, mal die Listen durchzusehen, zu welchem Züchter oder Ortsverein denn die Taube nun gehöre.

Inzwischen konnte ich das Wort 'Taube' eigentlich nicht mehr hören. Trotzdem bedankte ich mich für die Zusage, mich gleich zurückzurufen. Da das Mittagessen nahte, ging ich schnell etwas einkaufen, um mich dann an die Vorbereitung des Mittagessen zu machen.

Doch kaum war ich zurück, schellte das Telefon.

"Hier Frau Borowski, also ich habe den Verein ausfindig gemacht zu dem die Taube gehört, ich gebe ihnen mal die Telefonnummer des Vorsitzenden."

Nachdem ich mich wiederum bei dieser (redseligen) Dame für ihre Hilfe bedankt hatte, wählte ich noch die vierte Taubengeschichten - Telefonnummer an.

Dieser Anruf führte mich nun von Gelsenkirchen aus nach Safig, irgendwo in die Nähe von Köln, der Postleitzahl 5478 nach zu urteilen, während die Taube immer noch in Neuss saß.

Es kam, wie es kommen musste, ich musste die Geschichte des Irrfluges der Taube noch einmal erzählen. Nachdem Herr Röttgen sich die Ringnummern aufgeschrieben hatte, konnte er mir bestätigen, dass die Taube auf jeden Fall zu seinem Verein gehöre und seit gut 10 Tagen überfällig war. Nur, wem sie jetzt letztendlich gehöre, dass müsse er erst einmal nachforschen.

Ich gab ihm also die Telefonnummer meines Kollegen in Neuss und hoffte, nun so schnell nicht wieder das Wort 'Taube' zu hören, geschweige denn aussprechen zu müssen.

Aber: Ende gut, alles gut!

Am anderen Morgen ging wieder das Telefon und mein Kollege erklärte mir, dass die Taube noch am gleichen Abend von dem Besitzer abgeholt worden ist.

Allerdings war es nicht ganz so einfach, wie ich es gedacht hatte. Denn der Vorsitzende konnte wohl anhand des Ringes den Züchter ermitteln, nur, dieser hatte die Taube inzwischen verkauft. Also rief der Züchter den Käufer der Taube an, um ihm zu sagen, dass diese in Neuss sitze. Da dieser aber die Taube wiederum schon weiterverkauft hatte, und am Ende dann erst der dritte Besitzer der jetzige Besitzer war, dauerte es noch ein bisschen, bis Taube und Besitzer wieder zusammen kommen konnten.

Und obwohl ich eigentlich nichts von der ganzen Geschichte hatte, hat es mir doch viel Spaß gemacht, etwas zu schaffen, wovon einige vielleicht gesagt hätten, ach, die Mühe mach ich mir gar nicht erst, oder vielleicht sogar: Was habe ich mit einer Taube zu tun? Dinge zu tun, die nicht alltäglich sind, reizt mich halt immer wieder.

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© 1990 Tarot