Das Universum

Mit dem Herzen sehen

von Tarot
Das Universum
 

"Dance Academy II"
(Beschreibung einer Szene des Filmes, die mich sehr bewegt hat)

Vorgeschichte:
Zu Beginn des Filmes werden die Außenaufnahmen eines Videoclips gezeigt. Die Sängerin Amanda tanzt dort mit einigen Tänzern der Dance Academy zu ihrem neuen Song. Der Lehrer der Schule findet den Part des Tänzers nicht gut genug und korrigiert heftig an ihm herum. Die Menge hinter der Absperrung gibt lautstark ihre Kommentare zu der Darbietung ab. Besonders auffällig äußert sich der Anführer einer Straßengang. Dieses fällt dem Regisseur des Clips auf und er holt diesen ausgeflippten Jungen in die Gruppe und fordert ihn auf, es besser zu machen. Die Musik beginnt, das Playback läuft und der Junge von der Straße und die bekannte Sängerin bringen die Strasse zum Kochen. Einige der Bewegungen des Jungen sind aufreizend, fast erregend anzusehen; die Sängerin, erst überrascht über die gute, ungezwungene Art des Tanzens, dann wieder fast böse, ob der Frechheiten, die dieser Lümmel sich herausnimmt, muss doch zugeben, dass ER tanzen kann.
Doch nach dem Tanz ist oberflächlich gesehen alles wieder vorbei, es war nur eine Vorführung - das Team (mit Ausnahme von Amanda) geht wieder zum Alltag über. Der gerade noch bejubelte Tänzer der Straße wird wieder wie Abschaum behandelt und hinter die Absperrung gedrängt.

Einige Tage später, wird gerade die Gang dieses Jungen von der Polizei erwischt, als sie eine Mauer bemalen - einer der Jungen - von den anderen brüderlich PICASSO genannt - war gerade mit einer herrlichen Graffiti-Arbeit beschäftigt.

Die Strafe fällt außergewöhnlich aus: 200 Stunden Anstreicherarbeiten an einem Gebäude. Ironie des Schicksal - bzw. guter Schachzug des Drehbuchautors, denn das Gebäude der Dance Academy muss neu gestrichen werden. Nun folgen im einzelnen herrliche Szenen, selten sieht man die Jungen der Gang wirklich arbeiten - im großen und ganzen lungern sie herum oder veralbern sich selbst. Einer der Burschen wirkt fast symphatisch durch die Dummheit, die er an den Tag legt, er sägt buchstäblich einen Ast nach dem anderen ab, auf dem er sitzt.

Nun komme ich zu den beiden Hauptdarstellern der von mir so tief empfundenen Szene:

Francis - eben jener Picasso der Gang, fühlt sich schuldig. Er war es, der seinen Freunden diese Arbeit aufgebrummt hat. Aus diesem Grund, so erklärt er seinen Freunden, werde er die Rückwand des Hauses ganz allein bearbeiten! Bewusst sagt er nicht streichen, denn ihm geht etwas ganz anderes durch den Kopf.

Emma, Schülerin der Dance Academy - sie weiß, dass sie den ausgeschriebenen Wettbewerb der Stadt mit der Gruppe der Dance Academy gewinnen muss, denn es ist die einzigste Möglichkeit für sie, in den Staaten zu bleiben. Sie muss siegen, um ihr Stipendium zu bekommen.

Dieser Wettbewerb bestimmt nun den Rest des Filmes. Die Gang hört über Picasso von den 100.000 Dollar Prämie von dem Wettbewerb und stürzt sich in das Abenteuer "Tanzen". Leider wird im Film selbst nicht allzuviel auf diese Proben eingegangen.

Eines Abends treffen Francis und Emma - buchstäblich - aufeinander. Sie stoßen zusammen und Francis beschmiert Emma mit Farbe. Reichlich ungeschickt, aber ehrlich bestürzt bemüht er sich, die Farbe von ihrem Kleid wegzubekommen. Daß er es nicht schafft ist klar - aber etwas anderes passiert. Man spürt, dass beide auf der gleichen Wellenlänge liegen - sie sprechen die gleiche Sprache. Ein Knistern steht zwischen den beiden.

Picasso malt weiter an seiner Wand - meistens abends. Irgendwann steht Emma neben ihm - spricht mit ihm - und bewundert seine Arbeit.

Bewusst zeigt der Regisseur nur einen so winzigen Ausschnitt der Wand, dass der Zuschauer des Filmes nicht ahnen kann, was er später zu sehen bekommt.

Emma sagt Picasso, dass ihr das Bild gefällt, dass sie es bewundert, wie er die Natur darstellt. Francis nimmt Emma bei der Hand, stellt sich mit ihr vor das Bild und sagt:

"Du siehst es ganz falsch. Du siehst es nur mit den Augen. Du musst es mit dem Herzen sehen!"

In diesem Augenblick lebt diese Szene - dieser Film - beide gehen Hand in Hand auf die Wand zu und - durch diese ins Land, welches sie mit dem Herzen sehen.

Sie tollen wie Kinder über sanfte grüne Hügel, fassen sich bei den Händen, drehen sich im Kreis. Die Zärtlichkeit zwischen beiden wird fühlbar. Die Einmaligkeit dieses Momentes durch die wunderschöne Landschaft verstärkt. Sie, im weichfließenden Kleid mit Balettschuhen - er in weiten Hosen und Straßenschuhen - doch beide perfekt zueinander passend. Sie laufen die Hügel herauf und tanzen im Licht der Natur und spielen mit den Nebeln der Gefühle, fangen das Licht der Sonne und tauchen in die Zärtlichkeit der sanften Abhänge. Spielen, fühlen miteinander und durcheinander, um sich am Ende dieser weichen Bilder zu umarmen und die Welt um sich herum vergessen - um wieder in der Realität der Erde wieder im Film zu erscheinen.

Diese Szene hat sich sehr in meinem Inneren eingeprägt und ich werde sie sicherlich nicht so schnell vergessen - spüre in mir den Wunsch, einmal selbst so etwas zu erleben.

Diese beiden Menschenkinder haben sich gefunden - lieben sich, man spürt es in der Weichheit, wie die beiden miteinander umgehen.

Doch auch Amanda und der Chef der Gang kommen sich einander näher - teilweise nur im Traum von ihm, aber auch teilweise in der Realität.

Der Tag der Entscheidung naht. Der Kampf der Entscheidung um die 100.000 Dollar Preisgeld.

Die Dance Academy tanzt - sie tanzt hervorragend, des Preisgeldes würdig - doch das würde zu einfach sein.

Die Gruppe der Gang tritt auf, sie tanzen wie nie zuvor in diesem Film und zeigen eine fantastische Leistung, gepaart mit starken Lichteffekten.

Die Jury entscheidet: Sieg für die Straßengang!

Entsetzt sehen sich Emma und Francis an - der selbe Francis, der gerade noch in der Gang mit getanzt hat. Beide fallen sich weinend in die Arme - es ist das Aus für eine Liebe - denn da die Dance Academy nicht gewonnen hat, bekommt Emma kein Stipendium und muss nach Hause - nach Deutschland.

Beide verlassen engumschlungen die Tanzveranstaltung und fahren mit dem Bus der Dancers zur Akademie. Dort trennen sie sich tränenreich - wissend ob des unabänderlichen Endes ihrer Liebe.

Unterdessen hat die Dance Akademie Einspruch gegen die Entscheidung der Jury eingelegt, mit der Begründung, dass die andere Gruppe gar keine Tanzschule sei, sondern "nur" eine Straßengang. Voraussetzung an der Teilnahme des Wettbewerbes aber war, dass nur Tanzschulen teilnehmen konnten. Somit revidiert die Jury ihre Entscheidung - und spricht der Dance Academy den Sieg zu.

Hierüber gerät der heimlich verliebte Boss der Gang so in Zorn, dass er sich maßlos betrinkt, durch die Strassen zur Akademie wandert und dort den Bus der Schule stiehlt. Er will nur noch eines: Rache. Er fährt den Bus zu einer Schlucht, zündet ihn an und lässt den Bus in die Schlucht stürzen.

Mittlerweile sind alle wieder an der Dance Academy angelangt - auch unser immer noch stark betrunkener Anführer der Gang - wütend stürzt er sich auf den vermeintlichen Widersacher und wirft ihm an den Kopf, dass er den Bus angezündet und in die Schlucht gestürzt hat.

Ein Aufschrei von Emma - den Bus? Den Bus der Schule? Er - PICASSO - war im Bus, er hat darin geschlafen. Er hat öfters im Bus geschlafen, wenn er noch so spät an der Wand gearbeitet hat.

Schlagartig wird es still, genauso schlagartig ist der Anführer der Gang nüchtern: Nur ein Gedanke beherrscht unseren unglücklichen Helden: Ich habe meinen besten Freund umgebracht: Jetzt schreit er es heraus:

ICH HABE MEINEN BESTEN FREUND UMGEBRACHT.

Nachdem die Polizei da war, den Chef festgenommen hat, geschehen zwei Dinge, die wahnsinnig gut gemacht sind:

Der Widersacher unseres Unglücksraben tritt auf diesen zu und bietet ihm seine Freundschaft an - wenn auch nur mit den Worten: "Eh, Mann, dass mit Deinem Freund, tut mir echt leid".

Die zweite Sache - der Beginn des Happyends - kommt in Form von - Picasso - er war nicht im Bus, denn er hat es geschafft das Bild fertigzustellen, er setzt sich auf die Mauer, hinter einen seiner Freunde und fragt: "Was issen hier los?", worauf er zur Antwort bekommt: "Picasso ist tot - verbrannt."

Die Mimik, die in Picassos Gesicht nun folgt, ist einfach köstlich - erst der total verdutzte Gesichtsausdruck, dann schaut Francis seine Hände an - er ist noch da - nicht tot - dann dreht sich der Sprecher um - und sieht: Picasso - sein Gesicht erstarrt vor Überraschung und lautlos formen seine Lippen den Namen: 'Picasso'...um es dann herauszuschreien: "Picasso, Picasso - er ist nicht tot!"

Die Freude ist unbeschreiblich, vor allem da, als auch noch Picasso und Emma erfahren, dass sie sich nicht trennen müssen, weil ja nun doch die Schule gewonnen hat - und Emma damit ihr Stipendium bekommt.

Gemeinsam gehen alle zur Wand des Hauses, die bisher außer Emma und Picasso selbst noch niemand gesehen hat - auch nicht das Publikum - um vor einem riesengroßen Selbstbildnis zu stehen - jeder der Gang und der Dance Academy ist auf diesem Bild - friedlich vereint im Tanz - jeder in einer für ihn typischen Haltung. Es hat sich wieder einmal bestätigt:

Ende gut - alles gut!

© 1990 Tarot