Prinz der Schwerter

Beginn einer Freundschaft

von Tarot
Prinz der Schwerter
 

In dem herrschenden Computerzeitalter, in der Zeit der sich rasend schnell weiterentwickelnden Technologien und des derzeit anwachsenden Datentransfers wird der Kontakt zwischen den Menschen immer weniger.

Einerseits ist der Zeitmangel fast jedes arbeitenden Menschen enorm hoch, andererseits spielt es bei der Entfremdung der Menschen eine große Rolle, dass heute alles so einfach ist. Kommunikation von Mensch zu Mensch, das heißt eigentlich von Angesicht zu Angesicht wird nicht mehr groß geschrieben. Es ist ja so einfach... der Griff zum Telefon: "Hallo, bitte senden Sie mir..." Ja, da spricht man ja wenigstens noch miteinander. Doch die Technik hat mit den Menschen kein Einsehen. Sie schreitet weiter fort: Telefax ist angesagt. Kein 'Hallo... bitte senden Sie mir' - nein, jetzt steht da nur noch: 'Bitte senden Sie mir'...

Lassen wir Menschen uns von der Technik in unserer Menschlichkeit einengen? Vielleicht aus Bequemlichkeit? Warum nehmen wir uns nicht einfach mal Zeit, dem anderen "Wie geht es denn so?" zu sagen. Nein, nicht einfach nur so, sondern weil es uns auch wirklich interessiert, weil wir seine Antwort auch noch erwarten und nicht im gleichen Atemzug vom Wetter oder anderen Nichtigkeiten reden.

In dieser hektischen Zeit der Datenkommunikation flimmerte dem Sysop einer Mailbox ein Userantrag über den Bildschirm. Neugier oder Erstaunen huschte über sein Gesicht. Zuerst kam ihm der Gedanke: 'Da will mich einer auf den Arm nehmen', aber man kann ja mal sehen, was daraus wird. Nun ja, es ist ja keine große Arbeit, ein PM (virtuelles Postfach) anzulegen (oder doch?). Man wird sehen, was dabei herauskommt. Merkwürdig war es schon. Ein Userantrag aus einem System aus München und dann auch noch für eine "noch" unbekannte Userin. Man kann es ja mal weiterverfolgen...

Nichts passierte. Zwei lange Wochen nicht. Dem Sysop ließ es aber irgendwie keine Ruhe: 'Sollte mich wirklich jemand ver... nun ja, auf den Arm genommen haben?'

Ran an den Computer und eine Mail losgelassen. So nach dem Motto: Was, wann und weshalb? Diese Nachricht verschickte er an den User des anderen Systems.

Doch er bekam eine völlig andere Antwort als erwartet. Eine Nachricht - eigentlich eine persönliche Nachricht.

Wie an jedem Tag - wie es sich für einen verantwortungsvollen Sysop gehört - ging er seine PMs durch.

Da stand es also: "Vielen Dank für die Aufnahme in Deiner Mailbox. Ach ja, noch ein paar Daten zu mir..."

Also war es doch kein Scherz. Oder vielleicht doch? Warum Rätselraten? Wofür stand denn die Telefonnummer da, also mal ran ans Telefon und hören, wer sich da so meldet. Ist ja schließlich schon dagewesen, dass ein männlicher User sich als "weiblicher User" ins System schleust und da sein Unwesen treibt.

Naja, sie war wirklich eine "Sie" und das Gespräch entwickelte sich vom Computer über DFÜ auf den lustigen Userantrag und glitt langsam, aber sicher in eine fast persönliche Atmosphäre über.

Fast tat es beiden leid, das Gespräch aus Zeitgründen beenden zu müssen.

Die neue Userin tat sich noch ziemlich schwer mit der für sie völlig neuen Computerseite. Einerseits fand sie es aufregend und interessant, aber andererseits war sie froh über jede Hilfe, die ihr zuteil wurde.

So kam es auch, dass sie sich über jede Nachricht, die sie in Ihrer Box fand, diebisch freute. So nach und nach wurde sie auch mit dem für sie völlig neuen Medium DFÜ vertrauter, und es entspann sich ein lustiger Dialog von kleinen Nachrichten hin und Antworten darauf zurück.

Wieder einmal saß sie vor ihrem Rechner und tippte eine Nachricht an den ihr persönlich noch immer unbekannten SYSOP...

Doch was war das? THE SYSOP IS HERE... stand da plötzlich wie von Zauberhand geschrieben auf ihrem Monitor. Buchstabe für Buchstabe formte sich vor ihren Augen. Die anfängliche Erschrockenheit wich und es entspann sich ein lustiger Dialog. Nach ein paar Minuten einigten sie sich darauf, diesen Dialog lieber über das Telefon weiterzuführen.

So kam es zu einem zweiten, noch längeren Telefongespräch. Irgendwann wurde ihr bewusst, dass sie keinerlei Fremdheit mehr verspürte und sie sich durch die Hilfsbereitschaft des ihr persönlich unbekannten Sysops in dem System heimisch fühlte.

Inzwischen waren ein paar Wochen ins Land gegangen. Die Neu-Userin hatte inzwischen in einer zweiten Mailbox ebenfalls ein Postfach. Auch hier fand sie schnell Leute, die mit ihr PM's austauschten, auch auf freundschaftlicher Ebene.

Aber eines ist gewiss, durch die hilfreiche Hand des Sysops, der sie durch die ersten Tage ihrer DFÜ-Zeit führte, bekam sie richtiggehend Spaß an dieser Seite der Computerei.

Außerdem ist eine tiefe Freundschaft entstanden, die beide nicht mehr missen möchten.

© 1989 Tarot