Prinz der Stäbe

Frauen am Steuer

von Tarot
Prinz der Stäbe
 

Alles begann im Jahre 1988. Auf einer Ausflugsfahrt ins Sauerland sah ich am Straßenrand einen Sportwagen stehen. Nur im Vorbeifahren...aber selbst der kurze Blick genügte, um auszurufen: "Der Wagen gefällt mir!" "Wo? Welcher denn?", riefen aus dem Fond des Wagens meine Kinder aus.

"Da sind wir schon vorbei." Leider konnte ich die Fragen der Kinder in Bezug auf Marke oder Aussehen des Wagens nicht beantworten, dafür war alles viel zu schnell gegangen. Aber nun war ich selbst neugierig geworden, durch die Fragen der Kinder noch angestachelt. Wir einigten uns darauf, auf der Rückfahrt uns den kleinen Wagen genauer anzusehen.

So geschah es dann, dass wir auf der Heimfahrt eifrig Ausschau nachdem Auto hielten, da aber fast alle Ortschaften gleich aussahen, verloren wir fast den Mut. Doch da kam er in Sicht. Er stand ziemlich winzig aussehend neben einem wuchtigen Jeep der Firma Daimler Benz. Wir stiegen also aus und rätselten, um was für einen Wagen es sich denn nun handeln könne.

Während die wildesten Vermutungen geäußert wurden, überquerten wir die Strasse. Mit jedem Schritt, mit dem ich mich dem Wagen näherte, gefiel er mir mehr. Er war silbergrau mit schwarzem Dach. Hinter der Windschutzscheibe war ein Schild befestigt:

"Bertone X 1/9 - 1500ccm / 85 PS"

So, also ein Bertone sollte es sein. Nie gehört! Doch was war das? Hinten auf der Haube entdeckten wir ein weiteres Schild:"FIAT Five Speed." Alles gefiel mir an dem Wagen - bis auf den Preis. Für einen sieben Jahre alten Wagen noch 13.500,- DM. Das war viel Geld. Aber er gefiel mir halt.

Auf der Rückfahrt diskutierten wir noch heiß über dieses Auto. Selbstverständlich hatte ich mir die Telefonnummer des Händlers aufgeschrieben.

Am Abend des gleichen Tages machte ich mich noch ans Werk. Die Tageszeitung wurde hervorgekramt und im Gebrauchtwagenmarkt Ausschau nach der Rubrik Fiat gehalten. Gleich drei X 1/9 waren da zu finden. Der erste Anruf war ein Fehlschlag. Das Auto war schon weg. Der zweite Anruf versetzte mich in helle Aufregung. Das Auto war noch da, also rein in den Wagen und nichts wie hin. Frust!!! Der Rost hielt das Auto gerade noch so zusammen. Es stank fürchterlich und die Geräusche, die es machte, erinnerten mich unwillkürlich an eine alte Straßenbahn.

Also wieder nichts. Der dritte sollte bei einem Suzuki - Händler stehen, der mir bekannt war. Da es nicht weit von der Rostlaube, neben der wir gerade standen, entfernt war, fuhren wir noch dahin. Doch noch eine Enttäuschung wartete an diesem Abend auf mich. So viele Autos bei diesem Händler auch standen, ein Bertone X 1/9 war nicht dabei. Da ich mittlerweile ein so zerknirschtes Gesicht machte, wollte mein Mann mich trösten und meinte: "Ruf doch morgen einfach mal bei unserem Fiat Händler an und frage, wie teuer der Wagen neu ist."

Lange Rede, kurzer Sinn: Am Mittwoch war ich stolze Besitzerin eines nagelneuen, knallroten Bertone X 1/9 mit schwarzem Dach und schwarzen amerikanischen Stossstangen.

Die ersten Monate mit meinem Flitzer verliefen fast problemlos. Hatte ich mich schnell an die etwas harte Straßenlage des tiefliegenden Sportfahrwerks gewöhnt, die ab und zu auftretenden Kämpfe mit der Gangschaltung gewonnen, fiel es mir etwas schwerer, mich daran zu gewöhnen, dass die Bremslichter der vor mir herfahrenden Fahrzeuge plötzlich in Augenhöhe vor mir aufleuchteten. Doch wurde alles wieder wettgemacht durch die Tatsache, dass ich bei Bedarf innerhalb der Rotphase einer Ampel mein Hardtop im vorderen Kofferraum des Wagens verschwinden lassen konnte.

Doch dann kam ein schwarzer Tag für mich und meinen Wagen. Auf dem Weg nach Hause - ich hatte es wie immer eilig - befuhr ich eine etwas abschüssige Strasse in Essen. Ich kannte die Strasse, drosselte mein Tempo etwas, um rechts abzubiegen.

Ohhhh, Mist.....! Von rechts näherte sich mit ziemlicher Geschwindigkeit ein schwarzer Wagen, schnibbelte die Kurve und kam in die Strasse herein, aus der ich gerade fahren wollte. Meine Bremsen fassten, aber die Räder blockierten und ich schlidderte auf den Wagen zu. Na, na, na... ich hoffte... aber es half nichts. Mit einem Ruck kam der Wagen zum stehen. Als erstes holte ich tief Luft, dann stieg ich aus. Da standen wir nun! Meine Unfallpartnerin und ich besahen uns unser Werk, schauten uns an und plötzlich sagte sie: "Ich hab noch gesehen, dass ihre Räder blockierten, aber ich hab gedacht, dass könnte noch so eben klappen." Und mit tiefster Inbrunst entfuhr ihr ein wenig damenhaftes: "Mist!"

Da wir inzwischen einigen Autofahrern die Durchfahrt versperrten, fuhr sie ihren Wagen zur Seite. Ein vorbeikommender Autofahrer fragte uns, ob er denn die Polizei benachrichtigen solle, wir bejahten einstimmig diese Frage. Die Wartezeit nutzen wir dann, um festzustellen, dass wir beide nicht wussten, wer denn nun schuld an dem Unfall war.

Sie kam von rechts... aber... sie hatte die Kurve stark geschnibbelt.

Was nun??? Nach gut zehn Minuten war der Polizeiwagen dann da. Die beiden Beamten stiegen aus und dann kam der Moment, wo beide anfingen zu grinsen, und wir beiden Unfallopfer konnten ihren Gesichtern deutlich ansehen:

F R A U E N   A M   S T E U E R!

Nach dem Einsammeln unserer Führerscheine und der dazugehörigen Fahrzeugpapiere forderten uns die Beamten auf, den Unfallhergang zu schildern. Unsere Aussagen stimmten völlig überein, was die Beamten deutlich verwirrte. Dem folgendem Zwiegespräch der beiden konnten wir entnehmen, dass sie sich nicht einig waren, wer von uns beiden denn nun Schuld an dem Zusammenstoss hatte. Gemeinsam besahen wir uns nun den entstandenen Schaden.

Schlagartig wurde das Grinsen auf den Gesichtern der Beamten weniger, als sie feststellen mussten, dass es sich bei meinem Fahrzeug um einen Bertone X 1/9 handelte und der Wagen meiner Crashpartnerin ein Treser GTI war. An meinem Wagen stellten wir dann fest, dass die seitliche Abdeckung der Stoßstange defekt war, da ich mit ihr in die Alufelge des GTI gerutscht war. An diesem Wagen konnte man nur eine Abschabung an der Felge entdecken.

Trotzdem bestanden wir auf der Aufnahme einer Unfallanzeige. Man weiß ja schließlich nie. Dies gefiel den beiden Beamten nun gar nicht, da sie sich immer noch uneinig waren, wen von uns beiden denn nun die Schuld traf. Auch der Hinweis, wenn eine Unfallanzeige erstellt würde, müssten wir beide eine gebührenpflichtige Verwarnung erhalten, hinderte uns nicht, unsere Forderung aufrecht zu erhalten.

Als sich nun die Beamten an das mühevolle Werk des Ausfüllens einer Unfallanzeige machten, konnten wir feststellen, dass nun endgültig das Grinsen von den Gesichtern verschwand, denn die Polizisten stellten soeben fest, dass es sich bei beiden Fahrzeugen der 'Frauen am Steuer' um eigene Firmenwagen handelte, mit anderen Worten: Wir waren beide selbständig.

Nun war den Beamten das Grinsen also endgültig vergangen. Während sie im folgenden die Unfallanzeige ausfüllten, unterhielten wir uns, tauschten die Telefonnummern aus und harrten der Dinge, die nun auf uns zukamen.

Der Schluss ist schnell erzählt. Die Beamten gaben uns mit knappen Worten zu verstehen, dass wir beide zu gleichen Teilen schuld wären, zu Fahrzeug 1, das war ich, stand: "Unangemessenes Tempo bei nasser Fahrbahn", und zu Fahrzeug 2 war zu lesen: "Unvorschriftsmässiges Einbiegen in eine Strasse." Mit kurzem Gruß verabschiedeten sich die beiden Beamten und vergaßen völlig die vorher angedrohte gebührenpflichtige Verwarnung.

Inzwischen waren wir zwei Frauen übereingekommen, dass wir jeder unseren eigenen Schaden beheben lassen würden. Eins war uns jedenfalls ebenfalls klar, diese beiden Beamten würden so schnell nicht wieder grinsend denken:

F R A U E N  A M  S T E U E R

(Anmerkung zur wahren Geschichte: Treser - bekannte Tuning-Firma für Audi- und VW-Fahrzeuge)

© 1989 Tarot