As der Kelche

Fortunareise

von Tarot
As der Kelche
 

Ein wenig traurig lehnte ich mich in den Sitz des Flugzeuges zurück und dachte an die zwei Wochen Urlaub, die gerade zu Ende gingen. Diese zwei Wochen auf Kuba waren wie im Fluge vergangen. Fast glaubte ich, es wäre erst gestern gewesen, als ich vor knapp vier Wochen im Reisebüro saß und einen Urlaub buchen wollte.

"Ich möchte für 14 Tage in die Sonne fliegen. Können Sie mir da etwas anbieten?", hatte ich die Mitarbeiterin des Reisebüros gefragt. Nach ein paar Zwischenfragen stellte sich dann heraus, dass ich eine Fernreise buchen musste, um in wirklich warme Gefilde zu fliegen. Da ich auch noch innerhalb der nächsten 2 Wochen fliegen musste, machte mir die Dame des Reisebüros den Vorschlag, eine Fortunareise zu buchen.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, wie sehr sich der Name 'Fortunareise' noch bewähren sollte.

So bin ich also auf Kuba gelandet. Es waren herrliche 14 Tage. Ich hatte sehr nette Menschen kennengelernt. Auch vom Land und den Leuten des Landes habe ich einiges kennengelernt. Tja, und vor allem habe ich mich wunderbar gut erholt.

All diese Dinge glitten vor meinen geschlossenen Augen vorbei. Mir ging es so gut, dass mich nicht einmal die 10 Stunden Flug störten, die noch vor mir lagen. Naja, bevor wir über den Atlantik fliegen würden, mussten wir noch eine Zwischenlandung in Camarguey einlegen. Aber da dachte ich nun gar nicht daran.

Plötzlich ging ein Ruck durch die Maschine und der ganze Vogel vibrierte. Einige der Flugzeugpassagiere schrieen entsetzt auf, als das Flugzeug dann mit einem sehr harten Ruck aufsetzte und ein Knirschen zu hören war. Wir schauten uns alle etwas unsicher an, weil niemand so genau wusste, was da so eigentlich vor sich ging. Wir spürten alle, dass das Flugzeug abgebremst wurde, aber wir spürten auch alle, dass es nicht so war wie sonst.

Doch dann, Gott sei Dank, stand das Flugzeug. Aber es stand nicht mehr auf der Landebahn und rollte auch nicht auf eine Halle oder ein Flughafengebäude zu, sondern es stand mitten auf einer Wiese.

"Meine Damen und Herren, hier spricht ihr Kapitän. Wie Sie sicherlich alle bemerkt haben, haben wir eine etwas unsanfte Landung hinter uns. Im Landeanflug hier auf Camarguey bekamen wir einen Defekt im Hydrauliksystem und haben den größten Teil unseres Hydrauliköles verloren. Zur Zeit können wir noch nicht genau den Umfang des Schadens ermessen, aber wir werden der Sache umgehend auf den Grund gehen. Da wir jedoch aufgrund des Schadens das Flugzeug nicht steuern können, müssen wir erst einmal hier stehen bleiben. Wir haben eine fahrbare Treppe und Busse hierher bestellt, für die Passagiere die hier in Camarguey aussteigen werden. Passagiere, die weiter nach Frankfurt fliegen, bitten wir, sich erst noch eine Weile zu gedulden, bis wir genaue Einzelheiten über den Schaden erfahren haben. Die Passagiere, die in Santa Lucia Urlaub machen, bitten wir, sich zum Verlassen des Flugzeuges bereit zu halten. Danke!"

Tja! Da saß ich nun. Schaute noch einmal aus dem Fenster des Flugzeuges und musste feststellen, dass das Flugzeug tatsächlich auf einer Wiese stand. Also musste ich es wohl doch nicht nur geträumt haben. Ein aufgeregtes Lärmen ging nun durch das Flugzeug. Worte flogen hin und her. Da ich vorn in der dritten Reihe saß, konnte ich ein Gespräch hören, welches zwischen der Chefstewardess und einem Passagier geführt wurde, nachdem sie aus der Pilotenkanzel zurückkam.

Um aber alles zu hören und zu verstehen, war ich nun mittlerweile viel zu aufgeregt. Ich hörte nur den Satz: "Das der Pilot die Maschine überhaupt noch runtergekriegt hat, ist schon ein Wunder - und gut, dass der Schaden nicht 5 Minuten früher eingetreten ist, dann hätten wir gar nicht landen können.

Mir wurde nun doch ein wenig anders.

"Wenn der Schaden nicht innerhalb von zwei Stunden behoben ist, können wir sowieso nicht weiterfliegen", hörte ich da die Stewardes sagen, "denn dann würden wir die erlaubte Flugzeit überschreiten und eine andere Crew ist nicht hier zur Verfügung."

"Meine Damen und Herren, wir bemühen uns, das Ausmaß des Schadens festzustellen, die Schadensstelle haben wir schon lokalisiert und unser Bordingenieur ist schon zu der Schadensstelle hin unterwegs. Wenn sie links aus dem Fenster schauen, können sie weit hinten sehen, wie die Treppe langsam herangefahren wird. Die Passagiere, die hier aussteigen, bitten wir, vorsichtig die Gangway zu verlassen, da es dort unten doch recht hoppelig ist und es wäre dumm, wenn sie die unsanfte Landung so gut überstanden hätten und dann unten umknicken und sich womöglich den Fuß verstauchen oder sonst noch etwas schlimmeres. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Urlaub.
Die Passagiere, die weiter nach Frankfurt fliegen, bitten wir noch immer um etwas Geduld, wir werden sie informieren, sobald wir mehr wissen."

Mittlerweile dämmerte es uns allen, dass wir wohl mehr als einen Schutzengel gehabt hatten. "Bitte alle Türen auf PARK stellen", ertönte es über die Bordsprechanlage, "und dann die vordere Tür links öffnen, sobald die Treppe angelegt ist. Danke!"

Die Passagiere, die nun zum Aussteigen bereit standen, schauten uns ein wenig mitleidig an, als die Tür geöffnet wurde und sie begannen auszusteigen. Ach, wie gern wären wir mit ausgestiegen. Aber wir mussten wohl oder übel sitzen bleiben und warten.

Gut zwanzig Minuten später kam dann die ersehnte - oder vielleicht auch nicht - Durchsage: "Meine Damen und Herren, nachdem wir nun erst einmal die bürokratischen Dinge provisorisch geregelt haben, dürfen wir sie bitten das Flugzeug zu verlassen. Da sie jedoch rein visamäßig schon ausgereist sind, erhalten sie am Fuße der Gangway eine Visacard, die sie wieder abgeben müssen, wenn sie das Flugzeug wieder besteigen wollen.
Es werden Busse am Ende der Gangway bereit stehen und sie zum Flughafengebäude bringen. Wir wissen leider noch nicht, wie lange sich ihr Aufenthalt hier ausdehnen wird. Wir werden tun, was in unseren Kräften steht."

Also stiegen wir nun alle aus und wurden mit den Bussen zum Flughafengebäude gefahren. Nach einer vierstündigen Wartezeit wurden wir wieder mit Bussen zu einem Hotel gefahren, in dem wir alle ein Abendessen erhielten. Als wir nun alle wieder auf der Strasse standen und darauf warteten, dass uns jemand sagte, wie es nun weiterging, war es doch sonderbar, denn es hatte sich noch niemand von der Condor oder der Reisegesellschaft bei uns blicken lassen.

Vor dem Hotel stießen wir auf ein große Gruppen Menschen, die wir vorher noch nie gesehen haben. Sie schimpften und sprachen ziemlich wütend miteinander. Ziemlich schnell hatten wir festgestellt, dass es sich bei den Leuten um die Flugpassagiere handelte, die in Camarguey zusteigen sollten. Sie schimpften, weil man ihnen gesagt hatte, dass sich der Abflug verzögern würde, weil an dem Flugzeug bei der Landung zwei Reifen geplatzt waren. Nun schimpften sie über den langen Aufenthalt und konnten gar nicht verstehen, warum wir alle so fröhlich waren.
Denn nachdem wir alle ein paar gut gemixte Cubra libre getrunken hatten um unseren "Geburtstag" zu feiern, waren wir so ziemlich alle in einer gehobenen Stimmung.

"Warum wir noch so fröhlich sein können, wollen sie wissen? Das kann ich ihnen sagen, weil wir nämlich alle überglücklich sind, dass wir noch leben. Denn der Vogel ist nur mit verdammt viel Glück und dem Können des Flugkapitäns runtergekommen. Wir hätten alle sterben können, und sie regen sich über die Wartezeit auf." Schnell war der Lauteste der Wartenden ruhig, als er diese Worte vernahm.

"Bitte in die Busse einsteigen", hörten wir dann und alle stiegen ein. Kaum saßen wir auf unseren Plätzen, als ein Mann das Mikrofon ergriff und uns erklärte, dass die Maschine nicht wieder flugtauglich wäre und wir alle in zwei, gut zweieinhalb Stunden entfernte Hotels gebracht würden, wo wir die Nacht verbringen würden. Es wäre zwar noch nicht eindeutig geklärt, ob alle Passagiere ein Zimmer bekommen würden, aber es würde noch fleißig telefoniert. "Bitte halten sie sich morgen früh gegen zehn Uhr für eine Besprechung im Hotel bereit. Vielen Dank für ihre Geduld!"

Wir waren alle mittlerweile todmüde, waren wir nun doch schon 14 Stunden unterwegs. Einige hatten wie auch ich schon versucht, mit Deutschland zu telefonieren, aber es hatte nicht geklappt. Gegen 0.30 Uhr kamen wir im Hotel an und bis ich auf dem mir zugewiesenen Zimmer war, zeigte meine Uhr schon 1.30 Uhr. Ich war todmüde und fiel nur so aufs Bett. Ich schlief die ganze Nacht durch, ohne einmal aufzuwachen. Wir trafen uns dann fast alle beim Frühstück wieder. Natürlich war der "Fast-Absturz" das Gesprächsthema Nummer eins.

Inzwischen wussten wir auch, was passiert war:
Ein Teil der Hydraulikanlage hatte einen Riss bekommen und die gesamte Hydraulikflüssigkeit des Kreislaufs war entwichen. Das Flugzeug war damit nicht mehr lenkbar gewesen. Nicht auszudenken, wenn dieser Schaden aufgetreten wäre, wenn wir nicht im direkten Landeanflug gewesen wären, sondern wenn es im Anflug auf den Flughafen passiert wäre und wir noch eine Kurve hätten fliegen müssen. Innerlich wussten wir alle, dass wir verdammt viele Schutzengel gehabt haben.

Um zehn Uhr trafen wir uns alle in der Halle des Hotels, doch der Reiseleiter, der schon im Bus mit uns gesprochen hatte, konnte uns nichts sagen, außer das wir uns um 11 Uhr wieder treffen. Um elf hieß es dann, dass wir alle um 12 Uhr essen können und um eins wäre dann die nächste Lagebesprechung. Die ersten Unmutsäußerungen wurden nun laut. Wir alle trugen noch immer die gleichen Sachen wie vor über 24 Stunden. Niemand hatte im Handgepäck frische Wäsche oder das Badezeug dabei.

Um 13 Uhr war es dann soweit:
"Meine Damen und Herren, räumen sie bitte Ihre Zimmer, holen Sie Ihre Pässe von der Rezeption ab und halten sie sich bereit. Die Busse kommen um 13.30 Uhr und das Flugzeug startet um 16.30 Uhr."

Unbeschreiblicher Jubel brach aus und alles wirbelte bunt durcheinander. Tatsächlich standen die Busse gegen 13.30 Uhr bereit und wir stiegen voller Erwartung ein. Alle Busse setzten sich in Bewegung und wir fuhren in Richtung Flughafen.

Als wir etwa eineinviertel Stunden in Richtung Flughafen unterwegs waren, kam uns ein Taxi blinkend entgegen. Unser Bus hielt an und der Reiseleiter stieg aus. Wir schauten uns alle fragend an: 'Was mag denn nun los sein?'

"Meine Damen und Herren, der Taxifahrer hat uns gerade die Meldung überbracht, dass das Flugzeug nach dem Probelauf für nicht flugtauglich erklärt wurde. Wir müssen wieder zurück ins Hotel."

"Das gibt es doch wohl nicht!","Das darf doch wohl nicht wahr sein!", waren noch die harmlosesten Äußerungen, die nun wild durch den Bus gerufen wurden. Also drehten alle Busse und wir fuhren wieder zurück in Richtung Hotel.

Wieder waren wir eine halbe Stunde unterwegs, da wurden wir wieder von einem Taxi angehalten. Der Fahrer hatte über Funk die Meldung bekommen, unsere Busse anzuhalten und dahingehend zu informieren, dass das Flugzeug nun doch starten konnte. Also drehten wieder alle Busse um.

Alle waren nun aufgeregt und wir witzelten herum, wie weit wir denn nun wohl kämen und wann uns das nächste Taxi anhalten würde. Die Menschen, die am Rande der Strasse wohnten oder arbeiteten, wunderten sich sicherlich über die Vielzahl der Busse, die an dem Tag über die Strasse fuhren, obwohl es doch eigentlich eine ziemlich gottverlassene Gegend war.

Gegen 17.15 Uhr kamen wir dann am Flughafen an. Eigentlich konnten wir es immer noch nicht glauben. Aber das Flugzeug stand da wirklich, nicht mehr in der Wiese, sondern schon auf einer Rollbahn oder Piste.

Der Bus fuhr uns vor das Flughafengebäude und wir mussten alle durch die Schleuse, mussten dann unsere Visacards abgeben und durften dann ins Flugzeug, welches wir 24 Stunden zuvor verlassen hatten.

Doch kaum saßen wir alle auf unseren Plätzen, als sich der Flugkapitän über die Sprechanlage an die Passagiere wandte:
"Meine Damen und Herren. Bedauerlicherweise müssen wir Ihnen mitteilen, dass es uns nicht gelungen ist, das defekte Bauteil durch ein neues Teil zu ersetzten, da es uns nicht gelungen ist, ein neues Teil zu beschaffen. Wir haben die schadhafte Stelle überbrückt und die Hydraulikflüssigkeit aufgefüllt. Wir denken, dass wir alles menschenmögliche getan haben, damit die Maschine wieder voll flugtauglich ist. Allerdings wollen wir Ihnen nicht verhehlen, dass wir nur einen Start und eine Landung machen können. Leider können wir Ihnen auch im Augenblick noch nicht versichern, dass wir über den Atlantik fliegen können. Es kommt darauf an, ob nach dem Start das Fahrgestell eingefahren werden kann oder nicht. Sollte es uns nicht gelingen, müssen wir den Flug abbrechen."

Das Flugzeug hob dann gegen 18 Uhr ab und die Durchsage des Kapitäns, dass das Fahrgestell eingefahren sei und dem Flug über den Atlantik nichts mehr im Wege stünde, ließ uns nun doch alle aufatmen.

Nach einem doch sehr unruhigen Flug landeten wir mit einer gut 26stündigen Verspätung in Frankfurt.

Als das Flugzeug auf der Landebahn aufsetzte und ohrenbetäubender Applaus aufbrandete, meldete sich nochmals der Flugkapitän über die Bordsprechanlage:
"Na, na, na! Sie wollen doch wohl keine Zugabe von mir, oder?"

Im Nachhinein kann ich nur sagen: Das Wort Fortunareise hatte nun eine ganz andere Bedeutung für mich bekommen.

© 1991 Tarot