Die Liebenden

Faszination

von Tarot
Die Liebenden
 

Unruhig lief Peter Simons durch seine Wohnung. Sein Blick ging immer wieder zur Uhr. Ob es wohl heute auch wieder passieren würde? Seit zwei Wochen ging das jetzt schon so. Jeden abend zwischen 20 und 21 Uhr läutete sein Telefon.

Ringggggg! Da war es wieder. Ringgggggg!

"Simons!" meldete er sich.

Doch wie bisher jeden Abend meldete sich der andere Teilnehmer nicht. Peter merkte nur, daß jemand da war, am anderen Ende der Leitung, denn es wurde nicht aufgelegt.

"Bitte, wer ist denn da? So melden Sie sich doch." Nichts. Kein Laut. Nach ein paar Minuten legte Peter auf.

Er setzte sich in einen Sessel und begann wieder zu grübeln. Wer mochte ihn seit Tagen anrufen. Wann hat es eigentlich angefangen? Ach ja, an dem Tag, als er ein Referat als Gastredner auf dieser Versammlung gehalten hatte...

Am folgenden Abend hatte er nach Dienstschluß noch ein Treffen in einem Bistro. Er bemerkte plötzlich, daß er gegen 19.30 Uhr unruhig wurde. Immer häufiger ging sein Blick zur Uhr. Gegen 20.30 hielt ihn nichts mehr in dem Bistro. Alles zog ihn nach Hause. Schon vor der Wohnungstür hörte er das Klingeln des Telefons. Eilig schloß er die Türe auf und eilte ans Telefon: "Simons, hallo!?"

Eine warme, dunkle Frauenstimme drang an sein Ohr: "Ich finde es gut, daß Sie ein so geduldiger Mensch sind", hörte er plötzlich.

Peter konnte erst gar nichts sagen, er war zu verwirrt. Zum einen war es diese Stimme, die ihn durcheinander brachte und zum anderen, weil er gar nicht damit gerechnet hatte, etwas zu hören.

"Warum antworten Sie nicht?"

"Nun, wer spricht denn da bitte?" fragte er dann.

"Sarah, bitte nennen Sie mich Sarah."

"Sarah, haben Sie mich die letzten Tage immer wieder angerufen, wenn ja, warum haben sie nie etwas gesagt?"

Es wurde ein längeres Gespräch. Er hörte fasziniert zu, diese dunkle Stimme schmeichelte sich in seinen Kopf. Sie erzählte ihm, daß sie, Sarah, ihn bei der Veranstaltung gehört hätte und das sie von ihm und von dem, was er vorgetragen hatte, so sehr beeindruckt gewesen war, daß sie sich gewünscht hatte, ihn kennenzulernen. Deshalb habe sie ihn angerufen, wieder und immer wieder. Aber immer hätte sie der Mut verlassen, mit ihm zu reden.

Von diesem Tag an redeten sie jeden Abend zusammen. Peter richtete es immer so ein, daß er um diese Zeit zu Hause war. Ihn faszinierte diese Frau. Die Art, wie sie einzelne Laute aussprach oder wenn sie verhalten lachte. Aber sie gab ihren Namen nicht preis, auch nicht ihre Telefonnummer.

So wartete Peter fast jeden Abend auf das Läuten des Telefons. Er hatte sich in eine Frau verliebt, von der er nur die Stimme kannte. Sie kamen sich näher, erzählten einander immer mehr von sich. Im Laufe der Gespräche redeten sie über viele Dinge, Hobbys, die der eine hatte oder Vorlieben, die der andere hatte. Peter mochte es, wenn Sarah redete. Manchmal hörte er gar nicht so genau hin, was sie erzählte. Er versank in ein Träumen und wurde von der Ausstrahlung der Stimme hinweggeweht.

Irgendwann fielen die ersten Worte wie "Ich mag Dich" oder "Ich freue mich auf Deinen Anruf". Nach ein paar Wochen redeten sie über Zärtlichkeiten und stellten sich vor, wie es wäre, wenn sie beisammen wären und jeder den anderen in seine Zärtlichkeit einhüllen könnte. Jeder gab dem anderen das Gefühl: 'Ich warte auf Dich'.

Dann kam der Tag, an dem Sarah einwilligte, Peter zu sehen. Sie gab nach und gab, wenn auch zögernd zu, daß sie sich auf den Besuch bei Peter freute, Er hörte zwar die Scheu aus ihren Worten, aber zu große Freude erfüllte ihn.

Die Wohnung wurde auf Hochglanz gebracht. Blumen besorgt und der Sekt kaltgestellt. Den ganzen Tag verbrachte er voller Aufregung und Vorfreude. Tief in seinem Inneren hörte er ihre Stimme. Er war gespannt auf diese Frau, von der er schon soviel wußte, in die er sich verliebt hatte, nur durch ihre Stimme. Die Art wie sie sprach und lachte - immer wieder faszinierte es ihn aufs neue.

Auf dem Heimweg passierte es dann - ein Unfall - ein Kind wurde überfahren und Peter hatte diesen Vorfall gesehen. Er brachte das Kind zum Krankenhaus und wartete dort auf die Eltern des Kindes und auf die Polizei. Lange zog sich die ganze Angelegenheit hin. Als die Eltern endlich eintrafen und die Polizei alle Angaben von ihm aufgenommen hatten, war es schon ziemlich spät. Er eilte nach Hause. Als er seine Tür öffnete, sah er einen Zettel auf dem Boden liegen:

"SARAH war hier."


Nichts weiter. Nur diese drei Worte.



© 1991 Tarot