Scheiben 2

Einsame Entscheidung

von Tarot
Scheiben 2
 

Heute morgen hatte der Arzt es mir gesagt: "Herzlichen Glückwunsch, sie bekommen ein Baby." 'Ein Baby', hallte es jetzt noch in meinem Kopf, als ich ein wenig furchtsam an den Abend dachte. Ich werde es Rainer heute abend sagen, sagte ich mir immer wieder vor, so als ob ich mir selbst Mut machen wollte.

Pünktlich wie immer kam Rainer nach Hause, er hatte sich noch nie verspätet in den zwei Jahren, in denen wir zusammenlebten. Es war bisher eine richtig glückliche Zeit gewesen, doch irgendwie spürte ich Angst vor dem Gespräch mit ihm. Wie er wohl reagiert, wenn ich es ihm sage?

Ich hatte den Abendbrottisch besonders liebevoll gedeckt, sogar eine Flasche Wein dazu gestellt. Als Rainer hereinkam, die Kerzen und den Wein sah, wurde er verlegen und fragte: "Habe ich irgend etwas vergessen? Geburtstag oder unseren Jahrestag?"

"Nein, nein", beruhigte ich Rainer, "ich möchte Dir nur etwas erzählen, später, nach dem Essen."

"Nun, spann mich nicht auf die Folter, haben wir im Lotto gewonnen oder hast Du in einer Lotterie gewonnen?"

"Nein, es ist ... wir bekommen ein Baby!"

Ich hielt die Luft an und schaute Rainer an.

"Ein Baby? Wir? Aber wir wollten doch noch kein Baby. Wir haben doch so oft darüber gesprochen, vielleicht in zwei oder drei Jahren."

"Aber es ist nun einmal passiert, wir bekommen jetzt ein Baby!"

Ich spürte, wie sich Tränen in meinen Augen sammelten. Ich sah Rainer nur noch verschwommen. Als kein Wort der Freude von ihm kam, stand ich auf und lief ins Schlafzimmer und warf mich aufs Bett.

Als ich meinen Chef ein paar Tage später davon unterrichtete, war dieser gar nicht erfreut über diese Nachricht. "Aber Frau Wagner, Sie wissen doch, sie sollten im Herbst unsere Filiale in der Altstadt als Filialleiterin übernehmen."

Tage vergehen voller Zweifel und Ängsten aber auch voller schöner Momente. Ich stehe vor dem Spiegel und schaue mich an, suche nach Anzeichen der Schwangerschaft, fühle mich irgendwie glücklich und lege meine Arme beschützend vor meinen Bauch.

Rainer redet längst nicht mehr von "unserem" Baby, plötzlich ist es mein Baby. Noch schlimmer war die Reaktion seiner Mutter: "Schwanger? Jetzt schon? Aber Rainer will doch noch keine Kinder. Ja, konntest Du denn nicht aufpassen, Beate?"

"Aufpassen, aufpassen", fuhr ich aus der Haut, "wieso ich, wieso kommst Du denn nicht mal auf die Idee zu fragen, ob Rainer nicht hätte aufpassen können?"

Ich drehte mich um und verließ fluchtartig die Wohnung.

Die Zeit drängte und alles Überlegen führte immer wieder zu einem Ergebnis: Ich kann das Baby nicht behalten, Rainers wegen nicht und auch wegen meiner eigenen Zukunft nicht.

Hatten nicht alle recht? Wir hatten doch noch soooooo viel Zeit.

Rainers Verhalten zeigte mir deutlich, daß er für ein Baby noch nicht bereit war. Die Zeit drängte, ich mußte mich entscheiden.

Wieder ein paar Tage später sitzen wir im Wartezimmer des Arztes, der den Schwangerschaftsabbruch durchführen soll. Meine Hände sind feucht, ich habe furchtbare Angst. Davor, das Falsche zu tun. Unruhig rutsche ich auf meinem Stuhl herum, während Rainer ruhig in einer Zeitschrift blättert.

"Sieh mal, Beate, hier ist ein Testbericht über den Wagen, den ich mir gern kaufen würde. Sieh mal, sieht der nicht toll aus und diese Extras..... Beate, was ist denn?"

Ich war aufgestanden, sah ihn an und sagte: "Nichts, Rainer ich muß nur mal eben irgendwohin, Du weißt schon."

"Jaja, ist gut, aber beeile Dich, Du bist gleich dran."


Ich drehte mich um und ging...zur Tür heraus, in ein Leben ohne Rainer - aber mit "meinem" Baby.

© 1992 TAROT