Kelch 6

Ende gut - alles gut

von Tarot
kelch 6
 

Vor einigen Jahren machten wir uns zu zweit auf, um einen gemütlichen Abend zu verleben. Irgendwann landeten wir in einer kleinen Gaststätte. Während wir noch am Tisch saßen und uns köstlich amüsierten, brach plötzlich ein Tumult im Raum aus. Ein Gast (wie sich später herausstellte, ein Ex-Freund der Wirtin) und die Wirtin gerieten in einen lautstarken Streit.
Dieser Streit geriet völlig aus den Fugen, als die Wirtin ein Glas Bier über diesen Gast ausschüttete. Da sich alles am Nebentisch abspielte, zog ich es vor aufzustehen, damit ich keinen feuchten Segen des ganzen abbekam. Ich lehnte gegen einen Pfeiler, als plötzlich das Unerwartete geschah: in ihrer grenzenlosen Aufregung schnappte sich die Wirtin ein volles Glas Cola und warf es durch die Gegend. Ich stand am völlig falschen Platz, denn das Glas traf mich mitten ins Gesicht. Es zerschellte an der Stelle, wo die Nase aufhört und die Stirn beginnt.
Plötzlich war es im Raum mucksmäuschenstill. Ich spürte, wie ich langsam in die Knie sackte und mich dabei leicht vornüberbeugte. Doch was war das?? Rote Flecken bildeten sich auf dem Boden. Als mir bewusst wurde, dass es Blut - mein Blut - war, zog ich es vor, ohnmächtig zu werden.

Als ich wieder zu mir kam, war ich nicht in der Lage meine Augen zu öffnen, dafür hörte ich umso deutlicher die jammernde Stimme der Wirtin, die immerzu stöhnte: "Meine Konzession - meine Konzession!"

Kurze Zeit später hörte ich wie durch einen Wattebausch ein Martinshorn. Träumte ich oder war ich wach - eigentlich ging es mich gar nichts an - alles war ja so unendlich weit weg.
Doch was war denn jetzt los, irgendwelche Hände packten mich und verfrachteten mich auf eine Bahre. Stimmen wogten mal mehr und mal weniger an mein Ohr. Kurze Zeit später spürte ich schaukelnde Bewegungen - nach einer Weile wurde mir klar, dass ich mich wohl in einem Auto befand.
Stimmen sprachen mich an - doch in mir war alles so kalt. So kalt, dass ich keine Anstalten machte, um zu antworten.
Dann hielt das Auto an. Türen wurden geöffnet, und wieder wurden Stimmen um mich herum laut.

"Das sieht aber böse aus. Ist das Auge verletzt?"

"Das wissen wir nicht."

"Nun, dann ist es besser, sie fahren die Patientin direkt in die Uni-Klinik nach Essen."

Patientin??? Was sollte denn das? ...Patientin? Die meinen doch wohl nicht mich? Mir geht es doch gut, wenn nur diese Kälte nicht wäre - die sollen mich nach Hause fahren. Warum funktioniert meine Stimme nur nicht? Warum ist alles wie hinter dicken Wattemauern?
Der Wagen fährt wieder los und hält erst nach einer ganzen Weile wieder an. Hände greifen nach mir und holen mich von der Bahre und setzen mich auf einen Stuhl.

"Wie heißen Sie?"

Ich murmele irgend etwas vor mich hin. Mir ist immer noch so entsetzlich kalt. Irgendwer legt mir eine Decke um, aber mir bleibt nur die Empfindung einer Eiseskälte.
Später wurde mir erzählt, dass ich auf nichts reagiert habe. Ich wurde geröntgt und danach sofort operiert. Die Operation dauerte über eine Stunde.

***

Am folgenden Tag - ich war wieder zu Hause - ging ich zur Polizei und erstattete Anzeige wegen schwerer Körperverletzung.

Die folgenden Tage habe ich noch gut in Erinnerung. November und Sonnenbrille. Ich werde die erstaunten Blicke der lieben Mitmenschen nie vergessen. Aber mir blieb ja keine andere Wahl. Besser Sonnenbrille zeigen als dieses wunderschöne Veilchen, welches mein linkes Auge zierte.

Wochen später war ich wieder in der Uni-Augenklinik. Obwohl vier Wochen seit dem Zwischenfall vergangen waren, hatte ich immer noch zu leiden, denn ein Glassplitter saß noch in meinem Kopf. Er hatte sich innerhalb der Augenbraue festgesetzt und begann sich zu verkapseln. Nun ja, diesesmal berührte mich die ganze Geschichte schon - und ich war nicht gerade glücklich über diesen Aufenthalt.

Aber es ging ja nun mal nicht anders. Nachdem ich am Nachmittag meine Sachen ausgepackt hatte, schaute ich mich in dem Zimmer um. Du meine Güte!! Zwei Zimmernachbarn hatte ich. Beide Damen waren um die Achtzig - ich fühlte mich wahrlich fehl am Platz. Am folgenden Morgen sollte die Operation durchgeführt werden. Nun, dieser Gedanke ließ mich einfach nicht einschlafen, so dass ich mich aus dem Zimmer schlich (um die Greisinnen nicht aufzuwecken) und mich in den Raum vor den Schwesternzimmern setzte. Briefpapier hatte ich mitgenommen und schrieb ein paar Briefe, die sowieso schon überfällig waren.

Nach einer Weile bemerkte ich, dass etwas Merkwürdiges um mich herum vorging. Erst wusste ich nicht, was es war - aber so nach und nach dämmerte es mir. Immer wieder gingen Leute an mir vorbei. Aber sie gingen immer nur in die eine Richtung. Merkwürdig...

Als wieder jemand vorbeikam, wurde ich neugierig.

"Sagen Sie mal, wo gehen die Leute denn alle hin?"

"Ja, nun, in den Aufenthaltsraum - wollen sie nicht mitgehen, ich zeig Ihnen gern wo es ist."

Da mir jede Abwechslung recht war, ging ich mit. Der erste Aufenthaltsraum in den ich kam...war leer. Im zweiten (Raucherraum) fand ich alle die Leute vor, die vorher an mir vorbeigekommen waren. Nur sah es nicht gerade nach einem Aufenthaltsraum eines Krankenhauses aus, sondern eher nach einer gemütlichen Kneipe. Am Tisch wurde Skat gespielt. Natürlich konnte ich wieder mein Mundwerk nicht halten und knapp zehn Minuten später saß ich mitten unter den Männern (als einziges weibliches Wesen) und reizte munter drauflos. Zwischendurch wurde getrunken und gelacht und irgendwann dann, es war so gegen vier Uhr früh, löste sich die muntere Gesellschaft auf und alles verzog sich leise und gesittet in die Zimmer.

Jetzt war ich rechtschaffen müde und selbst der Gedanke an die bevorstehende Operation konnte mich nicht daran hindern in einen tiefen Schlaf zu versinken, der jedoch knapp zweieinhalb Stunden später von der Krankenschwester beendet wurde.

Ich musste ins Schwesternzimmer kommen. Mulmig war mir ja schon, gebe ich offen und ehrlich zu. Ich solle mich auf den Stuhl da setzen, meinte sie zu mir und kam mit einer kleinen Schere auf mich zu.

"Was haben Sie denn mit der Schere vor, Schwester?"

"Nun, ich muss Ihnen die Wimpern abschneiden, wegen der Operation gleich. Es ist wegen der Sterilität erforderlich."

"Kommt gar nicht in Frage!!! Die Wimpern bleiben dran!"

"Die Wimpern müssen ab, Vorschrift ist Vorschrift. Die Wimpern müssen ab."

"Nein! Sie bleiben dran....."

Nachdem wir so nicht weiterkamen, zog die Schwester es vor den Arzt zu holen. Und...die Wimpern blieben dran.

Kurze Zeit später musste ich dem Arzt in den OP folgen. Innerlich zitterte ich, aber nach außen musste ich ja Sprüche klopfen. Als mir der Arzt erklärte, dass die Operation nur bei örtlicher Betäubung vorgenommen wird, wollte ich ja eigentlich wieder gehen, aber da waren alle dagegen. Eine gegen so viele, da musste ich ja unterliegen.

Also fand ich mich auf dem Tisch liegend wieder. Ein riesiges weißes Tuch wurde über mich ausgebreitet. Eigentlich muss es ja gebebt haben, so habe ich gezittert.

Doch was war das? Ich hörte eine Tür klappen, ein Geräusch, als wenn ein Knopf gedrückt wird und dann... Musik. Leise Musik... es tat unendlich gut. Plötzlich war mir alles egal.

"Wir setzen jetzt die Betäubungsspritzen, O.K.?"

Ich nickte nur. Der Einstich war gar nicht so schlimm wie ich dachte. Es wurde kalt auf der Stirn. Einen zweiten Einstich merkte ich fast gar nicht mehr. Die Musik war ja soviel wichtiger...

Irgendwann lag ich dann wieder in meinem Bett. Ein Arzt schaute zu mir herein und meinte: "Da sind wir ja wieder. War aber nicht nett von Ihnen."

Verunsichert schaute ich ihn an. Nett? Ich?

"Wieso?" fragte ich.

Langsam erklärte er mir in gestelzten Worten, dass ich einen Kreislaufzusammenbruch während der Operation gehabt hätte, so dass sie ein anderes Narkotikum verwenden mussten als vorgesehen. Ergebnis war, das mein Körper derart geschwächt war, dass ich heute nicht mehr aufstehen durfte. Das wiederum fand ich nicht gut, schließlich war ich ja verabredet: Zum Skatspielen, im Aufenthaltsraum.

Nun, auf so einer Station spricht sich alles sehr schnell herum. Als ich noch ein bisschen benommen, aber murrend im Zimmer liege, öffnet sich die Tür. Ich sehe noch wie meine beiden Zimmernachbarinnen vor Schreck ihre Bettdecken bis zur Nasenspitze heraufziehen und schaue dann zur Tür. Was ist denn so Schreckliches da zu sehen, denke ich und muss darauf schallend lachen, was ich nicht hätte tun sollen, denn es tat tierisch weh.
Alle meine Skatkameraden und die anderen Männer vom vorigen Abend kamen wortlos in einer Reihe ins Zimmer, kamen an mein Bett, legten wortlos ein Sahnebonbon auf meinen Nachtisch und verschwanden so stumm wie sie das Zimmer betreten hatten.

***

Am kommenden Abend war ich natürlich wieder munter wie ein Fisch im Wasser. Es wurde wieder sehr früh. Morgens war es, und nur noch knapp zwei Stunden bis zum Wecken. Wir trennten uns nicht, ohne für den nächsten Abend eine Abschiedsparty verabredet zu haben. Schließlich sollte ich dann entlassen werden.

Der Abend der Party kam. Alle hatten irgend etwas besorgt. Es wurde richtig toll. Bis, ja bis ich um eins in der Nacht Hunger bekam.

"Hm, ich könnte jetzt was essen." - "Ich auch!", "Ich auch!", schallte es von allen Ecken des Raumes. Doch eine Umfrage ergab: Wir hatten alle nichts da.

Jetzt schlugen meine Gedanken Purzelbaum. Das war die richtige Gelegenheit für mich, wieder gut zu machen, was diese Lauser für mich getan hatten.

"Leute", sagte ich." Ich werde etwas besorgen, was wollt ihr?"

"Pommes", "Currywurst", "Frikadelle" und "Hähnchen" schallte es munter durcheinander.

"Nein, nein, so geht das nicht. Wir müssen uns auf eins einigen." sagte ich und schlug gleichzeitig Hähnchen vor. Begeistert stimmten die andern zu, aber im gleichen Atemzug wurden schon Wetten abgeschlossen, ob ich es schaffe oder nicht. Die Chancen, es zu schaffen, standen eigentlich schlecht. Aber gerade das reizte mich.

Ich bin also zur Nachtschwester getigert und habe ihr unser Problem geschildert. Sie hätte zwar auch gern ein halbes Hähnchen gehabt, aber ich durfte das Haus nun mal nicht verlassen. In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken.
Das Haus nicht? Aber die Station? Ich schaute die Nachtschwester fragend an. Doch, die Station durfte ich schon verlassen, wenn ich leise war. Ich also in mein Zimmer und meine Geldbörse geholt. Runter zur Empfangshalle und zum Münztelefon. Der Taxifahrer denkt bestimmt heute noch an den komischen Auftrag den er von mir erhielt. Das Problem war nur, ich musste ihn überzeugen, dass er sich nicht verhört hatte: "Bitte 14 halbe Hähnchen zur Uni-Augenklinik." Vorsichtshalber holte er sich zuerst das Geld von mir( durch den Briefschlitz, denn die Tür war verschlossen).
Knapp zwanzig Minuten später war er wieder da. Er mit den Hähnchen draußen. Ich mit meinem Hunger drinnen. Was nun? Ich bedeutete ihm die Notglocke zu läuten. Zögernd tat er es, nachdem ich ihm im zugerufen habe, dafür dürfe er das Wechselgeld behalten.
Als sich die Tür öffnete, schnappte ich mir die Hähnchen, er sein Taxi, und bevor irgend jemand aufkreuzte, war von uns beiden nichts mehr zu sehen.

Ein paar Minuten später saßen wir alle gemütlich Hähnchen knabbernd im Aufenthaltsraum und ließen es uns gut schmecken. Als ich dann am anderen Morgen entlassen wurde, ließ ich ein paar traurige Patienten zurück.

"Wer besorgt uns denn jetzt nachts Hähnchen?" Nun, diese Frage konnte ich ihnen nicht beantworten.

Ich denke an diese Nacht mit einem Schmunzeln zurück und freue mich, dass sich für mich doch noch das Sprichwort "Ende gut - alles gut" bewahrheitet hat.

© 1990 Tarot