Schwert 6

Die DFÜ und ich

von Tarot
Schwert 6
 

  Vor gut einem halben Jahr trat ich einem Computerclub bei, in der Hoffnung, hier Leute zu treffen, die mir Fragen beantworten oder mit denen man sich über dieses Thema unterhalten konnte.
  Zu diesem Zeitpunkt nutzte ich den Computer rein geschäftlich, doch reichte mir dieses nicht mehr aus. Ich wollte mehr über die Vielzahl der Möglichkeiten erfahren, die in diesem Rechner schlummerten.
  An einem der Clubabende wurde ein Themenkatalog zusammengestellt. Es sollten die Themen festgelegt werden, unter denen die nächsten Abende gestellt wurden. Der Kreis umfasste die Gebiete: Utilities - Tabellenkalkulationen - Textverarbeitungen - DFÜ - Datenbanken.
  Hier hörte ich zum erstenmal etwas über DFÜ und wusste nichts damit anzufangen. Ich hörte nur Worte hin und her schwirren wie Baud, Mailbox oder User.
  Für mich alles Fremdworte, also hörte ich nicht weiter zu. Doch dieses sollte sich in absehbarer Zeit ändern.
  Ein Bekannter von mir, der in München wohnt und ebenfalls einen Computer besitzt, erzählte mir am Telefon: "Ich habe mir ein Modem gekauft." Ein paar Tage später, als ich über Stunden vergeblich versucht hatte, ihn telefonisch zu erreichen, bekam ich die lakonische Antwort: "Ich war in der Box."
  Langsam, aber sicher wuchs mein Interesse. Ich begann erste Fragen über Modems und Datenfernübertragung zu stellen und blätterte Zeitschriften durch, um etwas über dieses Thema zu finden.
  Alles in allem war ich zwar interessiert, aber noch ziemlich unentschlossen.
  Dann kam ein Anruf. Mein Bekannter aus München rief an und teilte mir mal eben so mit: "Ich habe für Dich in einer Mailbox ein Postfach anlegen lassen. Die Telefonnummer der Box, Deinen Usernamen und das Passwort gebe ich Dir jetzt durch, schreib also mal auf."
  Jetzt hielt mich ja nichts mehr. Mehrere Computerläden rief ich an, um Vor- und Nachteile von Steckkarten oder externen Modems zu erfragen. Übertragungsraten wären sehr wichtig, wurde mir immer wieder erklärt. Der Unterschied zwischen FTZ-Modems und den weitverbreitetsten erklärt.
  Und dann war es endlich soweit. Gut zwei Wochen, nachdem ich die Nachricht erhielt, dass ein Postfach für mich bereit stehe, fuhr ich mit meinem Rechner zum Computerhändler. Ich ließ mir eine zweite serielle Schnittstelle einsetzen, da ich mich für ein externes Modem entschieden hatte und meine andere Serielle durch die Maus belegt war.
  Voller Aufregung fuhr ich dann samt Modem und dem dazugehörigen fix und fertigen Anschlusskabel nach Hause. Schon nach ein paar Minuten hatte ich München am Telefon und als erstes bekam ich nun Anweisungen, wie ich erst einmal Telix zu installieren hätte.
  Blind auf seine Erfahrung bauend tippte ich brav alles ein, was mir vorgesagt wurde.
  Jetzt sollte es soweit sein.
  Für meine Begriffe leuchteten verflixt viele Lämpchen an dem Modem auf. Einige standen still und andere flackerten rhythmisch.
  Was war das? Ein schreckliches lautes Knacken war zu hören und ein ohrenbetäubendes Tut-Tut-Tut erfüllte mein gesamtes Büro.
  Das Modem in die Hand genommen - ein paar Mal hin- und hergedreht - kein Lautstärkeregler in Sicht. Das Handbuch - gut 80 Seiten stark und es half mir unheimlich weiter - nämlich gar nicht - es war in Englisch. Englisch kann ich zwar mittlerweile gut raten, aber das brachte mich jetzt auch nicht weiter.
  Gott sei Dank ertönte aus dem Telefon die Stimme:
  "Gib Mal A - T - L - 0 ein." Ich tat, wie er mir sagte und dann atmete ich erst einmal tief durch. Jetzt war nur noch ein normales Wählgeräusch zu hören.
  Als das Knacken aus dem Lautsprecher verstummte, ertönte ein heller Pfeifton, er wechselte zu einem anderen, dann waren gleichbleibend mehrere Töne zu hören und aus dem Telefonhörer, welchen ich immer noch ans Ohr gepresst hielt, tönten die Worte:
  "Gleich bist du drin!"
  Ein melodischer Wechselton ertönte und ich drückte eine Taste, denn diese englische Aufforderung kannte ich auch aus anderen Programmen.
  Ich war in einer Mailbox. In einer richtigen Mailbox. Irgendwie war ich richtig aufgeregt. Username: Ich gab ihn ein. Passwort: Auch dieses tippte ich ein. Als nächstes erschien:
  Willkommen im System.
  Ich muss sagen, es war schon ein tolles Erlebnis. Ein Vorspann rollte vor meinen Augen ab und plötzlich erschien eine Zeile am unteren Bildrand:
  Persönliches Brett: 3 neue Nachrichten.
  Clemens am anderen Ende der Leitung sagte mir, was nun zu tun wäre. Ich las also mit "L 1 - 3" diese vorhandenen Nachrichten durch.
  Aber irgendwie mußte ich das jetzt erst einmal alles verarbeiten. So kam es, dass ich erst einmal fragte: "Und wie komm ich hier wieder raus?"
  "Ganz einfach: Gib ein: LOGOFF"
  Ich tat, wie er sagte und was passierte? Ein lustiger Nachspann flimmerte über den Monitor, beginnend mit den Worten:
  Zur Salzsäule erstarrt fällt der Blick des Sysops auf den Monitor...
  Einen Tag später, schon etwas mutiger geworden, versuchte ich mein Glück allein. Ohne eine helfende Stimme am Ohr. Aber was sollte schon passieren, sagte ich mir, schließlich kam ich ja sonst mit dem Computer ja auch gut aus, warum denn dann nicht auch in Verbindung mit der DFÜ?
  Ein Irrtum, wie sich bald herausstellte. In meinem Telefonregister des Telix befanden sich mittlerweile drei gespeicherte Telefonnummern.
  Bei der ersten war niemand da, bei der zweiten besetzt. Also, ran an die Nummer drei. Drei Buchstaben standen für diese Box: KKB
  Aus dem Modem klangen die Wählgeräusche schön gedämpft - rechtzeitig war mir noch die Tastenkombination ATL 0 eingefallen.
  Schon ertönte das Connect - Signal und drin war ich.
  Username: Gast - gab ich ein.
  War ja schließlich das erstemal in der Box.
  Irgendetwas habe ich aber dann falsch gemacht - was weiß ich bis heute nicht, denn plötzlich erschienen ein paar Zeilen auf dem Monitor: "Userantrag" stand darüber. Was nun? Da kein Hinweis dabei stand, wie man wieder raus kam, füllte ich den Antrag einfach aus. Dann war plötzlich eine Brettübersicht auf dem Schirm. Durch das Lesen der Zeitschriften wusste ich einiges über den Aufbau einer Mailbox und schaffte es in das Brett Gästeecke zu gelangen.
  Hier legte ich eine kleine Meldung ab, so nach dem Motto: "Bin hier aus Versehen reingerutscht."
  Kurz darauf leuchtete eine Zeile am Bildschirmrand auf:
  Noch 9 Minuten.
  Also nichts wie raus hier. Wie war das noch? Ach ja: LOGOFF.
  Von Tag zu Tag wurde ich mutiger, aber irgendwie wollte ich die Nachrichten die ich las, auch mal - wie hieß es noch gleich - downloaden? Mit meiner Methode "Shift-PrtScr" war ich nicht gerade glücklich. Ich fasste mir ein Herz und stellte den Usern die Frage, wie ich Nachrichten runterziehen könnte.
  Schon einen Tag später hatte ich Antwort! Ich habe bewusst nicht eine Antwort geschrieben, denn gleich mehrere User hatten mir eine PM geschickt und mit ihren Tipps lernte ich es dann ganz schnell.
  Eines hatte ich begriffen: Es gibt keine dummen Fragen, und wenn du Fragen hast und sie den anderen Usern stellst, bekommst Du bestimmt Antwort.
  Mit einem der User, der mit mir im Computerclub ist, wie sich herausstellte, traf ich mich dann mal an einem Abend. Wir spielten eine Mailboxsitzung durch, wählten an, spazierten durch die Bretter und mit ihm wagte ich mich an das letzte Geheimnis der Mailbox: UPLOAD.
  Telefonische Anweisungen aus München - in Notizen mitgeschrieben - haben mich immer wieder im Stich gelassen. Es öffnete sich zwar mal ein Fenster im Hochformat, dann mal ein anderes im Querformat. Doch passiert ist nichts.
  Dieser Abend war sehr gewinnbringend für mich. Meine Sicherheit mit der für mich vor knapp zwei Wochen noch völlig unbekannten Art der Nachrichtenübermittlung wuchs.
  Doch der Höhepunkt kam zwei Tage später. Ich war in der Box, in der mein erstes Postfach war und tippte gerade an einer Meldung für den Sysop. Wie so oft ärgerte ich mich über das hebräisch der Störzeichen auf dem Schirm.
  Während ich mit der Backspacetaste versuchte, diese zu vernichten, ging es plötzlich nicht mehr weiter:
  THE SYSOP IS HERE
  war da plötzlich zu lesen.
  Was war denn jetzt los?
  SYSOP:
Wie geht es Dir? Hast Du Dir mal den Hilfetext ausdrucken lassen?
  TAROT: . . .
  Nichts passierte.
  SYSOP:
Tipp mal was ein.
  TAROT: Hallo,..
  Erst jetzt begriff ich, was ein Dialog war, und von diesem Moment an stand ich wirklich voll hinter der Szene DFÜ.
  Jetzt bin ich seit gut vier Wochen in den beiden Boxen und Begriffe wie Baud, Download oder Upload, Xmodem oder Zmodem machen mir keine Angst mehr.
  Aber ohne die Hilfe der anderen User, der freundlichen Aufnahme durch die Sysops und der teilweise lustigen PM's, die hin- und hergehen, hätte ich es so schnell nicht geschafft.
  Für alle NEU - User soll dieser Text eines bedeuten: Scheut Euch nicht Fragen zu stellen - Antworten bekommt ihr zu jeder Frage.
  Jetzt will ich aber Schluss machen, denn ich will noch in die Box.


© 1989 Tarot