Stab 8

Nicht nur die Auffahrer sind schuld!

von Tarot
Stab 8
 

  Ein wunderschönes Wochenende neigte sich dem Ende zu. Mit anderen Usern eines Mailboxsystemes hatten wir ein Treffen arrangiert und zwei herrliche Tage in Holzminden verlebt. Leider kam irgendwann der Augenblick des Abschiednehmens, und nur die 250 km Autobahn trennten mich noch von zu Hause.
  Das Wetter war herrlich, die Autobahn trocken und meine Laune auf dem Höhepunkt, doch das sollte sich alsbald ändern. Drastisch ändern!
  Die Musik im Radio lief, die Sonne schien und ab und zu brauste ich an einem der anderen Teilnehmer des Treffens vorbei, die vor mir aufgebrochen waren. Mein Tacho schwankte zwischen 120 und 200, gerade wie die Bahn es zuließ. (Sicherlich schießt jetzt einigen durch den Kopf: RASER!)
  Es gibt nun einmal Autos, die eine gewisse Geschwindigkeit nicht überschreiten können, und es gibt Fahrer, die eine gewisse Geschwindigkeit nicht überschreiten (wollen)!
  Ich zähle mich nicht zu den notorischen Linksfahrern, aber es bietet sich teilweise an, ab einer gewissen Geschwindigkeit links zu fahren.
  So befand ich mich auf der Heimfahrt von Holzminden auf der linken Spur. Die Spur vor mir war herrlich frei und ich konnte eine gute Geschwindigkeit fahren. Doch da passierte es! Ich mußte voll in die Eisen. Ein Fahrer der rechten Spur wechselte ohne Gnade (und Blick in den Rückspiegel) auf die linke Bahn, um ein vor ihm fahrendes Fahrzeug zu überholen. Der Überholvorgang dauerte entsprechend lange, da höchstens eine Geschwindigkeitsdifferenz von 15km/h vorhanden war. Ich faßte mich in Geduld. Hielt Abstand und wartete, bis der Fahrer sich wieder rechts einordnete - was hätte ich anderes tun können?
  Endlich war die Bahn vor mir wieder frei und ich drückte das Gaspedal wieder etwas weiter durch und mühelos kam der 8-Zylinder auf Geschwindigkeit. Der Tacho pendelte sich bei 180 ein und es machte wieder Spaß, Auto zu fahren.
  Weit vor mir sah ich ein Fahrzeug auf der linken Spur und ich hoffte doch sehr, daß der Fahrer desselbigen auch ab und zu mal in den Rückspiegel schaute, denn so wie ich es erkennen konnte, war die rechte Spur frei. Ich näherte mich dem Wagen immer noch mit gut 180, nahm aber das Gas schon weg, um nicht bremsen zu müssen. Eigentlich müßte er mich jetzt sehen, schoß es mir durch den Kopf, eigentlich müßte jetzt der Blinker kommen und er nach rechts rüber ziehen. Jetzt bremste ich den schweren Wagen leicht ab und setzte den Blinker um dem Fahrer zu zeigen, daß ich gern an ihm vorbei fahren wollte. Keine Reaktion!
  Verdammt, warum fuhr er nicht einfach kurz rechts rüber, um mich vorbeizulassen...dann konnte er doch gern wieder links rüber. Aber er machte keinerlei Anstalten, seine Fahrspur zu wechseln. Vielleicht hatte er das mit dem Blinker nicht richtig verstanden? Ich schloß mit dem Wagen ein bißchen weiter auf. Der Abstand zwischen den beiden Wagen verringerte sich ständig. So langsam mußte er doch merken, daß ich an ihm vorbeiwollte. Ein Blick auf meinen Tacho zeigte mir die stolze Geschwindigkeit von 110 km/h. Kurz schoß mir der Gedanke durch den Kopf - es wäre so einfach - kurz rechts dran vorbei - und das wäre es dann.
  Doch da siegte natürlich die Vernunft - auch wenn ich schnell fahre, ich fahre sicher und vor allem achte ich die Verkehrsregeln (naja gut, mit Ausnahme einiger unsinniger Geschwindigkeitsbegrenzungen).
  So langsam aber sicher wurde ich wütend. Ich betätigte die Lichthupe - mit dem Erfolg, daß der Fahrer erstaunt in den Rückspiegel sah - aber immer noch kein Fahrbahnwechsel. Statt dessen begann er hektisch mit seiner rechten Hand in seinem Handschuhfach zu wühlen, und da ich mittlerweile ziemlich dicht dran war, konnte ich erkennen, wie er Stift und Papier hervorholte, um sich meine Fahrzeugnummer zu notieren, damit er mich wegen zu dichtem Auffahren anzeigen konnte. Nachdem dieser Vorgang des Kennzeichenaufschreibens beendet war, zog er sein Fahrzeug auf die rechte Spur und im Vorbeifahren konnte ich sehen, wie er fürchterlich auf diese Fahrer, die ständig so dicht auffahren, schimpfte.
  Diese Schilderung entsprang nicht meiner Phantasie, sondern ich erlebte sie und erlebe sie immer wieder. Natürlich gibt es Fahrer, die rücksichtslos dicht auffahren - diese verurteile ich auch - aber wer belangt endlich mal die Autofahrer, die normal fahrende, technisch und situationsbedingt schneller fahrende Fahrzeuge dadurch behindern, daß sie sich elendiglich lange und unnütz auf der linken Fahrspur aufhalten?

© 1993 Tarot