Der Tod

Tage der Angst

von Tarot
Der Tod
 

  Nach einem arbeitsreichen Tag stand ich abends unter der Dusche und schaltete langsam ab. Wie jedesmal nach dem Duschen cremte ich mich sorgfältig ein. Als ich an der linken Brust angekommen war, stutzte ich einen Augenblick. Da war doch was? Ich fühlte noch einmal. Dann fühlte ich es deutlich. Ein Knoten! Mir wurde innerlich kalt. Ich wollte es nicht glauben. Aber dieser Knoten war da, so groß wie eine Bohne.
  Wie im Zeitraffer lief das vergangene Jahr vor meinem inneren Auge ab. Da war die Frau eines Musikfreundes an Krebs erkrankt. Hatte alle Stadien dieser heimtückischen Krankheit mitbekommen, einschließlich der Chemotherapie. Mir fielen alle Erlebnisse ein, die sie mir in diesem Jahr der Behandlung geschildert hatte. Von anderen Patienten - alle hatten sie eines gemeinsam: sie hatten Krebs - und sie hatten es von einem auf den anderen Tag erfahren.
  Sollte es bei mir auch Krebs sein? Die Angst hatte mich in ihren Krallen. Ich hatte erst vor drei Monaten die Krebsvorsorge machen lassen. Da war alles okay, aber woher kam der Knoten - was bedeutete der Knoten?
  Die folgende Nacht war schlaflos. Ich konnte es kaum erwarten, meinen Frauenarzt anzurufen und hatte gleichzeitig Angst vor dem Ergebnis. Als ich am nächsten Morgen erwachte, fühlte ich sofort wieder nach, doch es war leider kein schlechter Traum gewesen: der Knoten war definitiv da.
  Ich telefonierte mit der Praxis. Die Sprechstundenhilfe konnte mir jedoch nur eines sagen: "Der Doktor ist auf einer Fortbildungsveranstaltung." Ich erbat einen Termin für den nächsten Tag. "Kommen Sie morgen, um 11.15 Uhr."
  Das bedeutete für mich: Noch 24 Stunden Ungwißheit. Ich ertappte mich immer wieder, daß ich einfach nur dasaß und grübelte. Ich bin eine Frau, die es immer wieder reizt, unlösbare Probleme anzugehen. Aber hier war es jetzt völlig anders. Ich hatte Angst - einfach Angst. Ich spürte...ich konnte nichts tun, außer warten.
  Nach einer weiteren unruhigen Nacht war ich pünktlich in der Praxis. Der Arzt wäre nicht da, er hätte einen Unfall mit dem Wagen gehabt und nun saß er am Flughafen fest, da kein Flugzeug fliegen könne, solange der Nebel noch so dicht sei.
  Noch eine Nacht voller Ungewißheit. Mittlerweile war es Donnerstagfrüh und ich telefonierte wieder mit der Praxis. JA! Der Doktor wäre da. Ich machte mich sofort wieder auf den Weg.
  Fast zwei Stunden saß ich da in dem Wartezimmer. Dann war ich dran. Ich erzählte kurz, daß ich Montagabend den Knoten gefühlt hatte. Er tastete mich ab und wog bedächtig den Kopf. Ich bekam es schon wieder mit der Angst. Er konnte mir auch nichts sagen und überwies mich an einen Radiologen, damit dieser eine Mammografie von der Brust machen solle. Dann solle ich mich in 7 - 10 Tagen wieder bei ihm melden, dann hätte er wohl das Ergebnis vorliegen.
  Wie benommen ging ich aus der Praxis. Waren die letzten drei Tage schon schlimm, so sollte ich jetzt noch einmal 7 - 10 Tage Ungewißheit ertragen? Ich wollte es nicht glauben.
  Nachmittags rief ich beim Röntgeninstitut an und hatte Glück. Ich durfte sofort vorbeikommen. Ich spürte es, ich konnte diese Ungewißheit nicht mehr lange ertragen. Die Angst nagte an mir.
  Eine Stunde später war ich im Institut und brauchte auch nicht allzu lange zu warten. Die Mammografie wurde gemacht sowie auch eine Thermoaufnahme. Alles zusammen dauerte ungefähr eine Stunde.
  "Bitte gehen Sie in Ihre Kabine und warten einen Moment, es kann sein, daß der Doktor noch mit ihnen reden will." Da saß ich nun in dieser engen Kabine. Irgendwie hatte ich das Gefühl, als warte ich auf ein Urteil - mein Urteil.
  Etwa zehn Minuten später kam der Arzt. "Sie können sich anziehen und gehen. Es ist alles in Ordnung." "Was bitte ist in Ordnung? Ich, oder die Aufnahmen?" fragte ich.
  "Die Aufnahmen sind in Ordnung und - es ist kein Brustkrebs."
  Innerhalb von zwei Minuten war ich angezogen und aus der Praxis. Ich hatte das Gefühl durch die Stadt zu tanzen.
  Ich weiß noch nicht, was es ist, aber ich weiß in jedem Falle, was es nicht ist. Die Ungewißheit ist immer noch da, aber sie ist nicht mehr so schlimm, ist leichter zu ertragen.
  Niemandem wünsche ich, daß er solche Tage in Angst erleben muß.


© 1993 TAROT