Die Sonne

Fahrt ins Abendrot

von Tarot
Die Sonne
 

  An einem wunderschönen, sonnigen Sonntag setzte ich mich in meinen roten Sportwagen und fuhr von meinem Kurort Bad Mergentheim nach Rothenburg ob der Tauber. Die Sonne lachte nur so vom Himmel und trotzte dem Januar einen sonnigen Tag ab. Ich wurde fast ein bißchen neidisch auf die so verwöhnte Natur.
  Um nun die wunderschöne Landschaft rechts und links der Straße zu bewundern, fuhr ich nur ein mäßiges Tempo. Selbst nach kurzer Zeit wußte ich schon, warum diese Straße "Die romantische Straße" genannt wurde.
  Alle paar Kilometer erschienen am Straßenrand Hinweisschilder auf Schlösser, die auf Besucher warteten, oder auf sonstige, auch historische, Sehenswürdigkeiten. Jede Windung der Straße eröffnete mir wiederum einen neuen Anreiz für die Augen.
  Hier ein wunderschönes Tal, nach der nächsten Kurve eine Burg, die einen Bergrücken krönte. Immer wieder schimmerte die Tauber aus den Niederungen hervor.
  Nachdem ich Rothenburg ausgiebig angeschaut hatte, einen Besuch im Kriminalmuseum überstanden hatte, ging ich erst einmal einen Kaffee in einem der berühmten Café's trinken. "Weihnachtsdorf" stand da in großen Lettern über einem Haus. Viel hatte ich schon davon gehört, also besuchte ich diesen größten, ganzjährig geöffneten Weihnachtsmarkt Europas. Hier fühlte ich mich in meine Kindheit versetzt, ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Diese Fülle von Glanz und Glimmer in der jeweils dazu passenden Dekoration ließ mich fast in ein Märchenreich versinken.
  In dieser Hochstimmung setzte ich mich dann in mein Auto um in Richtung Klinik zurückzufahren.
  Es war so gegen 16.30 Uhr. Bei dieser Fahrt hatte ich wieder eine wunderbare Aussicht ins Taubertal. Aber da passierte etwas, das meine ganze Aufmerksamkeit der schönen Landschaft gegenüber völlig ablenkte: Die Sonne.
  Sie lugte mit einem kleinen Teil unter einer Wolkenbank hervor. Glutrot schimmerte sie und ließ schon erahnen, welches Naturschauspiel mich erwartete. Es ging schneller weiter, als ich es mir vorgestellt hatte. Schon war die Hälfte der Sonne zu sehen und dadurch leuchteten rechts, von meiner Fahrtrichtung aus gesehen, alle Fenster, die von der Sonne erreicht wurden, rot auf. Es glitzerte und schimmerte leuchtend rot.
  In diesem Augenblick überfiel mich ein tiefes Bedauern. Schade, daß ich meinen Fotoapparat nicht mitgenommen hatte. Leider hatte ich auch nicht mehr die Zeit, um an den Straßenrand zu fahren und mir dieses Schauspiel anzusehen. Jetzt konnte ich die Sonne richtig sehen. Voll in ihrer Röte aufflammend stand sie zwischen dem Horizont und der Wolkenbank.
  Ihr Licht war so intensiv, daß die Fahrbahn eine rote Färbung annahm. Es sah so aus, als wenn die Straße direkt in die Sonne führen würde, so als wenn ich direkt ins Abendrot fahren wollte.
  Um die Sonne herum war der Himmel rosarot angehaucht. Immer wieder verlor ich die Sonne aus den Augen, weil die Straße sich immerwährend durch das Tal schlängelte. Und immer dann, wenn sie wieder von mir zu sehen war, begeisterte mich dieses Farbenspiel aufs Neue.
  Nun hatte der untere Rand der Sonne eine Hügelkette erreicht. Viel zu schnell tauchte sie in ein Hügeltal ein. Zum Schluß blieb nur noch der rotgefärbte Himmel übrig, der jedoch auch von Minute zu Minute verblaßte.
  Dieses Himmelsfarbenspiel hatte mich so sehr in seinen Bann gezogen, daß ich gar nicht bemerkte habe, wie schnell die 46 Kilometer Entfernung zwischen den beiden Städten überwunden war. Den ganzen Abend über fühlte ich noch ein starkes Gefühl der Ruhe in mir und jeder Gedanke an diese Fahrt ins Abendrot zauberte ein Lächeln auf mein Gesicht.


© 1990 Tarot