Scheiben 10

Nur 42 Pfennig

von Tarot
Scheiben 10
 

  Wie wohl bei jedem anderen Menschen auch gibt es bei mir Dinge, die ich weniger gern tue und dann wieder andere, die mir sehr viel Freude bereiten. Der Besuch, der an einem Tag im April auf meinem Terminplan stand, war dazu angetan, mir viel Freude zu bereiten. Wenn das Ergebnis positiv ausfiele, würde nicht nur ich Freude daran haben, sondern viele andere Menschen ebenso.
  15.00 Uhr Besprechung mit dem Freizeitpädagogen der Altenwohnanlage in unserer Stadt. Vorgesehen war ein Konzert innerhalb eines Sommerfestes, bei dem viele verschiedene Unterhaltungsmöglichkeiten präsentiert werden sollten.
  Das Gespräch verlief sehr angeregt und führte dazu, daß das Konzert unseres Musikvereines fest eingeplant wurde. Als der offizielle Teil der Besprechung vorbei war, wurde noch über viele andere Dinge diskutiert und entspannt bei einer Tasse Kaffee über alles mögliche geplaudert.
  Unsere Gesprächsthemen waren vielseitig, von Urlaubszielen über Konzertveranstaltungen unseres Vereines bis hin zu weiteren geplanten Aktivitäten für die Bewohner der Altenwohnanlage. Als wir über dieses Thema sprachen, bemerkte ich, wie ein Schatten über das Gesicht des engagierten Mitarbeiters der Wohnanlage huschte, und auf meine Fragen hin erzählte er von den vielen Plänen, die er hätte, um den Bewohnern viele attraktive Freizeitangebote bieten zu können. Leider seien viele der Dinge nicht realisierbar, weil ihm einfach die Mittel dazu fehlen. Es traf mich unerwartet hart, als er auf meine Frage, welche Mittel er denn zur Verfügung hätte, antwortete:

  "Pro Bewohner und pro Tag nur 42 Pfennig."

  Ich war von dieser Aussage derart betroffen, daß ich lange nichts dazu sagen konnte. 42 Pfennig! Was sind in unserer Zeit denn noch 42 Pfennig?
  Die Gedanken um diesen Betrag kreisten Tage in meinem Kopf und ich mußte feststellen, daß ich mir nie genug Gedanken um die Menschen gemacht habe, die ihren Lebensabend in so einer Altenwohnanlage verbringen.
  Allein schon das Wort "Lebensabend" läßt mich jetzt schon wieder frösteln. Wer hat denn dieses Wort erfunden? Ist es nicht vielmehr ein Abschnitt des Lebens, welcher sehr inhaltsvoll gestaltet werden kann - im Kreise von gleichgesinnten Menschen? Lebensabend .... die Menschen ziehen doch nicht in ein Altersheim oder eine Altenwohnanlage, um dort nur auf ihr Lebensende - ihren Lebensabend - zu warten.
  Ist es nicht vielmehr so, daß viele Menschen so eine Altenwohnanlage dem Allein-Wohnen vorziehen, weil sie Kontakte zu Gleichgesinnten suchen? Gemeinsam etwas zu tun - gemeinsam über Dinge zu reden, die sie interessieren.
  Wer sagt uns denn, daß unter einer faltig gewordenen Haut auch ein faltig gewordener Geist stecken muß? Es ist nicht so!
  Ich kenne einige Menschen, die auch im Alter geistig so rege sind, daß sich mancher Mittel-Alterliche, sprich 30- bis 40-jährige, eine Scheibe davon abschneiden könnte.
  Natürlich sterben die Insassen einer Altenwohnanlage in den Räumen, die jetzt ihr Zuhause sind. Aber sie sterben nicht einsam. Sie haben Freunde, sie sitzen nicht zu Hause und warten, warten auf ihr Ende.
  Ich habe eine Großmutter. Sie ist jetzt 84 und eine der alten, selbstbewußten, agilen Persönlichkeiten, die sich auch in dem Alter kein X für ein U vormachen lassen. Meine größte Sorge ist, daß ihr mal etwas passiert, wenn sie zu Hause allein ist. Sie könnte stürzen und das Telefon nicht mehr erreichen, oder sie schläft einfach friedlich ein, ohne wieder aufzuwachen. Wer soll uns informieren, was passiert ist? Niemandem fällt doch sofort das Fehlen dieses, für mich so wichtigen Menschens auf.
  Ich glaube, wenn dieser Sozialpädagoge, der so voller Elan an die Freizeitgestaltung dieser Menschen herangeht, Möglichkeiten findet, für alle interessierten Bewohner Höhepunkte in ihrem Leben zu schaffen, durch Ausflüge, Diskussionsstunden, Diavorträge oder kleine Feste, dann braucht niemand einsam zu sein oder Angst zu haben, einsam zu sterben.
  Ich stelle mir nichts schlimmer vor, als einsam zu sein, wenn ich sterbe.
  Durch die gemeinsamen Aktivitäten werden Bande zwischen den Menschen geknüpft und sind wir nicht alle verpflichtet, dieses zu unterstützen?
  Müssen wir diesen Menschen nicht dankbar sein? Es sind doch alles Menschen, die unser Land mit aufgebaut haben, Menschen, die uns geboren haben, die für uns gearbeitet haben und die alles gegeben haben, was sie uns geben konnten.
  Wer nimmt ihnen die Angst, niemandem mehr etwas zu bedeuten, allein zu sein, kein Ziel mehr zu haben? Wir müssen diesen Lebenden Ziele geben. Es können kleine Ziele sein, wie ein Sommerfest zum Beispiel, auf das sie sich freuen können, oder einen Abend bei Kerzenlicht, etwas zu trinken und jemanden, der ihnen etwas vorliest.
  42 Pfennig am Tag, das sind ungefähr 13,--DM im Monat. Was kann man für 13,--DM im Monat tun? Materialien fürs Basteln besorgen? Der Blumenstrauß zum Geburtstag oder auch der letzte Gruß, der aufs Grab gelegt wird. Es ist zu wenig und ich fühle mich hilflos, weil ich nichts dazu tun kann, um es zu ändern.
  Ich kann nur einen kleinen Beitrag leisten, wie diese kleine Geschichte zu schreiben und vielleicht, vielleicht werde ich auch einmal den Mut haben, sie den Betroffenen, den Bewohnern dieses Hauses vorzulesen...


© 1992 TAROT