Begegnung am Strand

von Ambiente
 

   "Sie müssen ausspannen, Ferien machen." - diese Worte ihres Arztes hörte Evelyn wieder im Geiste. Vielleicht hatte er ja recht, sie fühlte sich ausgelaugt und erschöpft. Seit der Trennung von Dennis hatte sie sich in die Arbeit gestürzt, wollte nicht an die gemeinsam geplante Urlaubsreise erinnert werden. Sie konnte sich auch nicht vorstellen, allein zu verreisen. Sie machte sich auf den Weg nach Hause, doch kaum sah sie die Rolltreppe der U-Bahn vor sich, verschwamm alles vor ihren Augen und sie sackte zusammen. Als sie in einem Notarztwagen wieder zu sich kam, fällte sie die Entscheidung, dass sie doch fahren würde.
   Einige Tage später saß sie in einem Reisebüro und buchte eine Reise. Sie hatte sich gequält und überlegt, ob sie die Reise nach Hawaii wirklich antreten solle - die Reise, die eigentlich mit Dennis geplant war. Aber dann entschied sie sich spontan und bat die Frau, sie wolle bitte eine Reise für eine Person, nach Griechenland, eine kleine Insel bitte, kein Touristenzentrum.
   Schon einige Wochen später saß sie im Flugzeug, müde, erschöpft und lustlos. Eigentlich sollte sie sich auf den Urlaub freuen, aber in ihr war nichts als Kälte.

***

   Jetzt war sie schon drei Tage auf der Insel, und sie spürte langsam die Ruhe in sich einkehren. Sie machte lange Spaziergänge, und immer wieder kam sie an diesem Strandteil vorbei, an dem unten am Strand schwarze Felsstücke lagen. Sie war gern hier, setze sich immer auf einen der Felsen und genoss die Ruhe.
   Doch heute war es anders; sie bog um eine Felsecke, und da sah sie ihn: Er lag lang ausgestreckt auf einem Felsen. Von ihrem Standpunkt aus konnte sie ihn sehen, wie er von der Natur geschaffen war. Er lag da, völlig nackt und sie ertappte sich dabei, wie sie ihn beobachtete. Als sie sich der Tatsache bewusst wurde, dass sie gebannt auf diesen Mann starrte, drehte sie sich um und eilte ins Hotel zurück. Später lag sie auf dem Bett und grübelte über dieses Gefühl nach, welches sie verspürt hatte, als sie diesen Mann da liegen sah.
   Am nächsten Tag ging sie wieder spazieren und schon einige hundert Meter vor dem Strandteil kamen die Gedanken: Ob er wieder da ist? Sie bog vorsichtig um die Felskante und da lag er auch schon, tiefgebräunt von der Sonne. Sie setzte sich in eine Felsnische und schaute ihn einfach nur an. Ein Kribbeln machte sich zwischen ihren Schenkeln breit. Dieses Kribbeln, welches sie seit der Trennung von Dennis nicht mehr verspürt hatte. Ihre Finger suchten sich fast von allein ihren Weg. Doch dann erschrak sie, denn der Mann auf dem Felsen stand auf und lief zum Wasser und sprang mit einem eleganten Satz hinein.
   Einige Minuten schwamm er in dem klaren Wasser, und als er wieder auf den Felsen stieg, sah er sie. Er blieb einen Augenblick bewegungslos stehen, dann ging er hoch zu ihr, blieb nah vor ihr stehen und sie versank in seinen Augen. Er sprach kein Wort, nahm sie nur bei der Hand und zog sie langsam hinter sich her, hinunter zum Strand. Er bewegte sich völlig natürlich, nicht so, als wenn er unbekleidet wäre. Unten an dem Felsen angekommen, auf dem er vorher noch gelegen hatte, sprach er einige Worte zu ihr. Als er jedoch merkte, dass sie ihn nicht verstand, schaute er sie an, nahm ihr die Tasche aus der Hand, holte ihr Handtuch heraus und breitete es auf dem Felsen neben seinem aus. Er bedeutete ihr, sich auf das Handtuch zu legen, legte sich selbst einfach wieder in die Sonne und schloss die Augen.
   Evelyn zögert eine Weile, doch dann zog sie sich aus und legte sich im Bikini auf das Handtuch. Eine Weile lagen sie nun so nebeneinander in der Sonne und Evelyn spürte eine große Ruhe in sich aufsteigen - es war, als würde alles was sie bisher so bedrückt hatte, von ihr abfallen. Wohlig drehte sie sich auf den Bauch und schloß die Augen.
   Ganz plötzlich zuckte sie zusammen, denn sie spürte seine Hände auf ihrem Rücken. Mit seiner weichen, dunklen Stimme sprach er ruhig auf sie ein und sie spürte, dass er begann, ihr den Rücken einzuölen. Langsam, bedächtig. In jeden Quadratzentimeter ihres Rückens massierte er sanft das Sonnenöl ein. Sie zuckte nur leicht, als er dabei das Oberteil ihres Bikinis öffnete. Jetzt spürte sie die Finger in ihrem Nacken und dann an ihren Armen. Er hat wunderbar zärtliche Finger, dachte sie, es muss wunderschön sein, von ihnen gestreichelt und liebkost zu werden. Jetzt spürte sie die Finger massierend, kreisend an ihren Schenkeln, sie kamen ihren geheimsten Stellen immer wieder sehr nahe, doch so, als wolle er das Feuer, welches er in ihr entfachte, schüren, berührte er sie an diesen Stellen nicht. Er fasste sie nun behutsam an der Schulter an und drehte sie sanft, aber bestimmt auf den Rücken. Er nahm ein weiteres Handtuch, formte es zu einer Rolle und schob es ihr behutsam unter den Kopf, damit sie bequem liegen könne.
   Dann spürte sie wieder seine Hände auf ihrer Haut. Gewissenhaft begann er ihren Oberkörper einzuoelen. Er muss doch spüren, wie seine Hände mich erregen, dachte Evelyn und versuchte ganz normal und ruhig zu atmen. Doch sie spürte, dass ihr das nicht gelang. Während er sich ihrem Bauch widmete, versuchte sie zu sehen, ob auch ihn diese Beschäftigung nicht so ruhig liess, wie er sich den Anschein gab: Seine Männlichkeit strafte seiner Ruhe Lüge.
   Evelyn schloss die Augen und beschloss, einfach zu genießen. Seine Finger machten auch vor ihren Brüsten nicht halt, widmeten sich ihnen sogar sehr sorgfältig. Doch ohne, dass er merklich zögerte, wanderten seine Finger weiter über ihren Bauch und dann über die Arme. Evelyn fieberte mittlerweile dem Augenblick entgegen, wo sie seine Hände an ihren Beinen, ihren Schenkeln - den Innenseiten ihrer Schenkel fühlen würde. Sie spürte, dass sie bereit war. Bereit, sich diesem Mann hinzugeben. Er ölte sie weiter ein und widmete sich auch sehr zärtlich ihren Beinen, spielte mit den Füßen und ölte auch die Innenseiten ein, aber er näherte sich nur sehr vorsichtig ihrer Scham.
   Von einer Sekunde auf die andere verliessen seine Hände ihren Körper und sie wartete - wartete auf das, was nun geschah. Sie hörte ein leichtes Rascheln und dann spürte sie, wie er sich über sie beugte. Er küßte sie...langsam und zärtlich hauchte er jeweils einen Kuss auf jedes ihrer geschlossenen Augen, dann nahm er seine Tasche, winkte ihr noch einmal ein wenig wehmütig zu und ging weg.
   Wie erstarrt blieb Evelyn noch eine Weile liegen, doch dann spürte sie Trauer und Enttäuschung in sich aufsteigen. Warum war er gegangen? Evelyn nahm sich vor, in den nächsten Tagen Ausschau nach ihm zu halten und ihm zu danken. Er hatte eine unsichtbare Last von ihrer Seele genommen und sie wußte, sie kehrte als ganz andere Frau nach Hause zurück, als sie weggeflogen war. Sie wußte, sie würde den Fremden vom Strand nie vergessen.


© 1993 Ambiente