Entjungferung

von Ambiente
 

   Ich glaube, beim ersten Mal gibt es bei Jungen und Mädchen verschiedene Arten von Angst. Bei den Mädchen dürfte es vor allem die Angst vor dem zu erwartenden Schmerz sein. Bei Jungen, glaube ich, ist es eher die Angst, etwas falsch zu machen. Ich kann dies aus eigener Erfahrung berichten, denn ich habe einmal einen jungen Mann in die körperliche Liebe eingeführt.
   Es war im Jahre 1988 auf einer Nordseeinsel. Er war damals gerade neunzehn Jahre alt geworden. Wir absolvierten beide im gleichen Haus einen Klinikaufenthalt. Wir kamen beide am gleichen Tag an und fuhren beide am gleichen Tag ab.
   Er sah mich am Tag nach unserer Ankunft zum ersten Mal. Seine erste Erinnerung an mich war folgende: 'Da kam ich von meinem Frühmorgens-Jogging total gelöst in die Klinik zurück und ging zum Labor zur Blutabnahme, da sah ich da eine "ältere" Dame sitzen, die sichtlich Angst vor der Blutabnahme hatte.'
   Tja, das war ich. Siebzehn Jahre älter! Um von meiner Angst abzulenken, unterhielt ich mich mit ihm, bat ihn, dass er nach der Blutabnahme mit mir in die Stadt runterfährt, mit meinem Wagen, damit er mir helfen könne, mein Fahrrad von der Bahn zu holen. Da ich schlecht Auto und Fahrrad gleichzeitig fahren konnte, tat er es dann - mehr aus Langeweile als aus Lust.
   Als er mein Auto sah, fiel er mir bald aus den Pantinen...ich fahre einen Bertone X 1/9, knallrot - und der Wagen war damals gerade 2 Monate alt...
   Von dem Tag an waren wir unzertrennlich, joggten zusammen, besuchten gemeinsam jeden Tag für zwei Stunden ein Bodybuilding-Studio. Hier stellte ich das erste Mal fest, dass er Probleme hatte, ruhig zu bleiben, wenn er mir beim Training zusah - zu deutlich bildeten sich meine Brüste unter dem T-Shirt ab oder hoben und senkten sich unter den verschiedenen Übungen. Nach ungefähr zwei Wochen erzählte er mir, dass er noch nie mit einer Frau geschlafen hätte und es gern mit mir tun wolle. Er sagte: "Ich liebe Dich." - doch ich entgegnete: "Du weisst noch gar nicht, was Liebe ist", worauf er antwortete: "Dann zeig es mir".
   Es dauerte eine Woche, immer wieder unterhielten wir uns darüber. Ich versuchte ihn davon abzubringen, mein Argument war: Du bist so jung, Du solltest Dir eine Freundin in Deinem Alter suchen, mit der Du dann auch zusammen bleiben kannst, er sagte immer wieder nur: "Ich will keine junge Freundin - ich will Dich." Auch mein Dagegenhalten: 'Gerade das erste Mal, es ist so unheimlich wichtig, dass Du es gut in Erinnerung behältst', brachte ihn nicht von seinem Wunsch ab.
   Dann erkrankte ich schwer und musste eine Woche lang das Bett hüten. In dieser Woche wich er nicht von meiner Seite - außer bei Nacht, die er in seinem Zimmer verbringen musste. Aber in dieser Zeit kamen wir uns immer näher, denn er begann Fragen zustellen, die ich ihm ernsthaft und genau beantwortete. Es begann mit leichten Fragen, was ist ein Orgasmus, wie macht er sich bemerkbar, was ist wichtig, wenn ich mit einer Frau zusammen bin, was muss ich tun. All diese Fragen ließen sich leicht beantworten, aber nach einiger Zeit wurden die Fragen spezieller: wie sieht eine Frau aus, wie berühre ich eine Frau, doch auch hier blieb ich nach anfänglichem Zögern meinem Grundsatz - offen zu antworten - treu und eröffnete ihm dadurch neue Dimensionen der Zärtlichkeit. Ich lehrte ihn den für mich ungeheuer wichtigen Grundsatz: Ohne Zärtlichkeit ist alles vergebens.
   Nach einer Woche durfte ich wieder nach draußen. Bei einem ausgiebigen Spaziergang in die Dünen berührten wir uns das erste Mal, ohne miteinander zu schlafen. Es war ein Aufeinanderzugehen, für ihn war es ungeheuer wichtig - er konnte gelassen an die Sache herangehen, denn ich hatte ihm versichert: Es wird erst dann passieren, wenn du es wirklich willst - wenn Du spürst, jetzt ist der Moment da. Es war faszinierend zu spüren, wie seine ersten schüchternen Berührungen nach und nach forscher wurden und er alles staunend in sich aufnahm.
   Wir waren übereingekommen, dass ich mir für die letzten Tage eine Wohnung miete, so dass wir eine Möglichkeit hatten, ohne Angst vor Entdeckung oder Störungen allein zu sein. Drei Tage vor unserer Abreise waren wir das erste Mal allein in dieser Atmosphäre, die knisternd im Raum zu spüren war. Wir fühlten uns das erste Mal ohne Kleidung und genossen die Nähe des anderen, wir streichelten uns und erregten uns mehr und mehr. Ich muss gestehen, es fiel mir unendlich schwer, nicht mit ihm zu schlafen, aber ich hatte ihm versprochen, dass er den Zeitpunkt wählen solle - und er selbst spürte es, an diesem Abend überwog die Angst. Er wollte mich spüren, fühlen, berühren und küssen, aber zu mehr war er selbst noch nicht weit genug. Im Nachhinein war er über sich selbst ärgerlich, denn er sehnte sich danach, wie er sich ausdrückte, "ein Mann zu werden".
   Erst am Abend danach geschah es dann...ruhig, mit viel Zeit, Geduld und Zärtlichkeit. Als es dann geschehen war, spürte ich seine Tränen auf meinem Gesicht. Tränen, die er sich selbst nicht erklären konnte. Er war ein Mann - und ich weiss, da ich heute noch Kontakt mit ihm habe, dass es für ihn richtig und wichtig war, wie es geschah.


© 1991 Ambiente